Schicksal als Ausrede? Zwischen Akzeptanz und Bequemlichkeit
29. September 2026
«Es hat halt nicht sein sollen.» «Das ist wohl mein Schicksal.» «Was sein soll, wird sein.» Solche Sätze hörst du im Freundes- Familienkreis und manchmal auch in deinem eigenen Kopf. Solche Sätze können trösten. Sie können aber auch lähmen.
«Wann ist Schicksal eine entlastende/hilfreiche Deutung und wann wird es zur bequemen Ausrede?» Diese Frage stelle ich mir immer wieder und diese Frage ist auch oft Inhalt in meinen Beratungen.
Vorab: Das Thema ist für jene, die einen geliebten Menschen verloren haben oder schwer erkrankt sind, heikel und braucht in einem solchen Kontext eine entsprechende Einordnung. Darauf gehe ich weiter unten ausdrücklich ein.
Was wir mit Schicksal meinen
Das Wort steht im Alltag für zwei sehr verschiedene Dinge. Erstens für das Gegebene: Geburt, Gene, Familie, Zufallsbegegnungen, Krankheit, historische Umstände. Niemand hat sich das ausgesucht. Zweitens für eine Deutung: die Überzeugung, dass der eigene Lebensweg vorgezeichnet ist und Anstrengung daran wenig ändert.
Die erste Bedeutung beschreibt Realität. Die zweite ist eine Erklärung und Erklärungen haben Folgen für unser Handeln. Die Psychologie fragt deshalb weniger, ob es Schicksal gibt. Sie fragt, was die Schicksalsüberzeugung mit einem Menschen macht.
Eine Faustregel: Schicksal als Name für das, was ich nicht ändern kann, ist Akzeptanz. Schicksal als Begründung für das, was ich nicht ändern will, ist Vermeidung.
Wer sagt was? Sieben Blickwinkel
Stoa (Epiktet, Marc Aurel). Manches liegt in unserer Macht, anderes nicht. Weisheit heisst, beides zu unterscheiden und die Energie dorthin zu lenken, wo sie wirkt. Die Stoiker verstanden Schicksal als Rahmen und nicht als Freibrief zum Nichtstun. Das Gelassenheitsgebet, das Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird, ist eine moderne Fassung davon.
Existenzphilosophie (Jean-Paul Sartre, Irvin Yalom). Sartre sagte, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt. Wer behauptet, er könne nicht anders, betreibt in seinen Augen Selbsttäuschung («mauvaise foi»). Irvin Yalom holt das in die Therapie: Freiheit bringt Verantwortung mit sich. Verantwortung macht Angst. Schicksal kann diese Angst dämpfen.
Logotherapie (Viktor Frankl). Frankl widersprach dem Pandeterminismus, also der Vorstellung, der Mensch sei durch Anlagen, Umwelt und Triebe restlos festgelegt. Der Mensch sei nicht frei von Bedingungen, wohl aber frei, Stellung dazu zu nehmen. Wo sich etwas nicht ändern lässt, etwa bei Verlust oder unheilbarer Krankheit, bleibt der Spielraum der inneren Haltung.
Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit (Julian Rotter, Albert Bandura). Rotter unterschied zwischen internaler und externaler Kontrollüberzeugung. Wer Ergebnisse eher dem eigenen Handeln zuschreibt, handelt tendenziell aktiver. Bandura zeigte, dass die Überzeugung, etwas bewirken zu können, Ausdauer und Zielerreichung stützt. Schicksalsglaube ist psychologisch meist externale Kontrolle in Reinform.
Gelernte Hilflosigkeit und Attributionsstil (Martin Seligman, Bernard Weiner). Wer wiederholt erlebt, dass Anstrengung nichts bringt, hört irgendwann auf, es zu versuchen. Weiner beschrieb, dass wir Ereignisse danach deuten, ob die Ursache bei uns liegt, ob sie stabil ist und ob sie kontrollierbar ist. «Schicksal» ist die Kombination aus extern, stabil und unkontrollierbar. Diese Deutung lähmt erfahrungsgemäss am stärksten.
Determinismus und Neurowissenschaft (Robert Sapolsky, Daniel Dennett). Sapolsky vertritt, dass unser Verhalten letztlich durch Biologie und Umwelt bestimmt ist und der freie Wille eine Illusion sei. Dennett und andere Kompatibilisten halten dagegen, dass Verantwortung auch in einer determinierten Welt sinnvoll bleibt, weil Menschen auf Gründe reagieren. Die Frage ist offen. Aus keiner der beiden Positionen folgt aber, dass Handeln sinnlos wäre.
Buddhismus. Karma bedeutet nicht Vorherbestimmung, sondern Ursache und Wirkung: Absichten und Handlungen prägen, was folgt. Der Buddha grenzt sich in den überlieferten Lehrreden von fatalistischen Lehren seiner Zeit ab.
Keine dieser Richtungen leugnet das Gegebene. Fast alle ziehen die Grenze aber so, dass der Umgang damit beim Menschen bleibt.
Sinn als Antwort auf den Moment
Viktor Frankl dreht die Sinnfrage um. Nicht «Was erwarte ich vom Leben?» ist entscheidend, sondern «Was erwartet das Leben jetzt von mir?» Sinn ist demnach kein grosser Lebensplan, sondern eine konkrete Aufgabe in einer konkreten Situation. Er verändert sich mit jedem Tag und jeder Stunde. Frankl nennt drei Wege, ihn zu finden: ein Werk schaffen, eine Beziehung eingehen und eine Haltung zu dem einnehmen, was sich nicht ändern lässt.
Der dritte Weg braucht eine explizite Klärung: Frankl meinte damit ausdrücklich unvermeidbares Leid. Vermeidbares Leid einfach zu ertragen, nannte er eher masochistisch als heldenhaft. Wo sich etwas ändern lässt, ist die Veränderung die Aufgabe.
Hier kippt Aushalten leicht in Vermeidung. Ein Muster, das viele aus ihrem Umfeld kennen: Nach einem Verlust wird das Alleinsein hingenommen. Sorgen um die eigene Gesundheit werden nicht ausgesprochen. Jedes Leid wird getragen und von aussen wirkt das teils sogar stark. Innerlich ist es jedoch oft ein Schicksalssatz im Kleinformat: «Es ist halt so.»
Und es bleibt selten beim eigenen Leid. Nahestehende spüren, dass etwas ungesagt bleibt. Sie machen sich Sorgen, fühlen sich hilflos oder schuldig und können in meisten Fällen gar nicht helfen, weil die betreffende Person das sehr oft gar nicht will, vor allem nach Jahren, wenn sich das Muster und das akzeptierte Schicksal eingeschliffen hat. Ein Ereignis oder eine Situation zu ertrage erzeugt nicht nur Leid bei und in der betroffenen Person, sondern auch im Umfeld. Es nimmt anderen zudem die Möglichkeit, etwas zu geben, also genau den Weg der Liebe, den Frankl als Sinnquelle beschreibt.
Drei Fragen, die du dir selbst stellen kannst und solltest, vor allem wenn’s mal wieder schwierig und frustrierend wird: Welches Leid in deinem Leben ist unabänderlich und welches nur gewohnt? Wem würdest du zumuten, dir zu helfen? Was würde ein Mensch, der dir nahesteht, gern für dich tun, wenn du ihn liessest?
Wenn Schicksal zur Ausrede wird
Schicksal wird zur Ausrede, wenn es weniger erklärt als entlastet. Woran du das erkennst:
- Der Satz taucht genau dann auf, wenn eine unbequeme Entscheidung ansteht.
- Aus «gerade nicht» wird «nie». Die Deutung hat kein Verfallsdatum.
- Erfolge gehen aufs eigene Konto und Rückschläge aufs Schicksal (Self-serving Bias).
- Es wurde nichts ausprobiert, was das Schicksalsurteil widerlegen könnte.
Die Verlockung ist nachvollziehbar. Die Deutung entlastet von Schuld und Scham, dämpft die Angst vor dem Scheitern und spart Energie. Das wirkt kurzfristig. Langfristig kostet es wertvolle Lebenszeit und Freude.
Im Modell von James Prochaska und Carlo DiClemente entspricht das oft der Phase der Absichtslosigkeit oder der Absichtsbildung. Man ahnt, dass etwas anders sein könnte. Der Preis der Veränderung scheint aber höher als der Preis des Bleibens.
Eine Frage zum Nachdenken: Wann hast du zuletzt «das ist halt so» gesagt und was wäre anders gewesen, wenn du den Satz nicht gesagt hättest?
Heikel: Wenn das Leben tatsächlich hart zugeschlagen hat
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, eine schwere Diagnose erhielt oder Gewalt erlebt hat, hört den Satz «Du hast es selbst in der Hand» leicht als Vorwurf. Für viele Betroffene ist Schicksal keine Ausrede. Es ist ein Versuch, das Unfassbare einzuordnen. Die Deutung kann Schuldgefühle lindern («Ich hätte es nicht verhindern können») und gerade in der ersten Zeit Halt geben.
Hilfreich ist eine Unterscheidung: Verantwortung für das Ereignis ist nicht dasselbe wie Verantwortung für den Umgang damit. Für einen Verlust, eine Krankheit oder einen Unfall trägt in der Regel niemand die Schuld, der sie nicht verursacht hat. Gestalten lässt sich später der Umgang: wie du trauerst, wen du an dich heranlässt, wann du dir Hilfe holst. Das ist eine Einladung und kein Auftrag. Und sie folgt einem eigenen Zeitplan.
Ein zweiter Stolperstein ist der Gerechte-Welt-Glaube, den Melvin Lerner beschrieben hat. Wir möchten glauben, dass Menschen bekommen, was sie verdienen. Wird das auf Schicksalsschläge angewendet, landet man schnell bei Schuldzuweisungen an die Betroffenen. Auch der gut gemeinte Satz «Alles hat seinen Grund» kann deshalb verletzen.
Ob Schicksal für dich Ausrede oder Halt ist, kannst nur du beurteilen. Von aussen sollte dieses Urteil niemand über einen Menschen in Trauer oder Krise fällen. Und wenn dich ein Verlust oder eine Krankheit so belastet, dass du nicht mehr vom Fleck kommst, ist das nicht einfach ein Zeichen von Bequemlichkeit, sondern der Moment um sich Hilfe zu holen, ggf. auch fachliche Unterstützung.
Runter vom Schicksals-Sofa: sechs Impulse
Die folgenden Impulse sind für Phasen gedacht, in denen du merkst, dass du dich mit dem Schicksalsgedanken eingerichtet hast. Jeder endet mit einer Frage, die du für dich beantworten kannst.
- Trenne Veränderbares von Unveränderbarem. Teile ein Blatt in zwei Spalten: «liegt bei mir» und «liegt nicht bei mir». Oft ist die erste Spalte grösser, als es sich anfühlt. Was steht in der ersten Spalte, das du bisher nicht angeschaut hast?
- Achte auf deine Sprache. «Ich muss», «es ist halt so» und «das wird eh nichts» sind Schicksalsformeln im Kleinformat. Was verändert sich, wenn du «ich kann nicht» durch «ich will gerade nicht» ersetzt?
- Wäge Sofa und Aufstehen ehrlich ab. Ambivalenz ist normal. Die Motivierende Gesprächsführung von William Miller und Stephen Rollnick geht davon aus, dass Veränderung dort beginnt, wo beide Seiten Platz haben. Was bringt dir das Sofa und welchen Preis zahlst du dafür?
- Wähle einen Schritt, der kleiner ist als dein Widerstand. Handeln kommt oft vor der Motivation und nicht danach. Ein Telefonat, eine Anfrage, ein Spaziergang. Was ist der kleinste Schritt, den du in den nächsten 24 Stunden gehen könntest?
- Hol dir einen Zeugen. Wer jemandem erzählt, was er vorhat, setzt es erfahrungsgemäss eher um. Wer darf dich in einer Woche fragen, wie es gelaufen ist?
- Bleib freundlich mit dir. Kristin Neff beschreibt Selbstmitgefühl als Gegenmittel zur Selbstverurteilung. Aufstehen gelingt selten besser, wenn man sich vorher dafür beschimpft. Wie würdest du mit einer guten Freundin sprechen, die auf ihrem Sofa sitzt?
Fazit
Schicksal und Verantwortung schliessen sich nicht aus. Es gibt Dinge, die dir zustossen. Und es gibt deinen Umgang damit. Ob es Schicksal im metaphysischen Sinn gibt, lässt sich nicht abschliessend klären. Die Frage «Was mache ich jetzt mit dem, was ich habe?» lässt sich dagegen beantworten.
Zum Schluss zwei Fragen: Wo nennst du etwas Schicksal, das eigentlich eine Entscheidung wäre? Und wo nennst du etwas Entscheidung, das eigentlich Schicksal ist und Mitgefühl verdient?
Wenn du dir dabei Begleitung wünschst, bist du bei ConSenso Consulting willkommen.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungspsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430