Ein Blogbeitrag über Glück, Kontrast, Sinn und die Grenzen der Positiven Psychologie. Geschrieben während ein paar Tagen Auszeit auf Menorca.

Die Ausgangsfrage

Ich sitze gerade auf Menorca. Vier Tage und keine Agenda. Gestern früh Ankunft am Flughafen, Auto in Beschlag nehmen und ein Abstecher nach Alaior für einen Kaffee, dann runter an den Strand von Son Bou, bevor ich am Nachmittag die Wohnung in Ciutadella übernommen konnte. Dazwischen viel Zeit zum Nachdenken, bei der Autofahrt und bei einem ausgiebigen Spaziergang am Strand. Genau in solchen unstrukturierten Zwischenräumen kommen bei mir zuverlässig Grundsatzfragen hoch. Diesmal: Was macht eigentlich glücklich? Und noch interessanter: Macht uns die Besessenheit, glücklich sein zu müssen, nicht erst richtig unglücklich?

John Stuart Mill lieferte im 19. Jahrhundert eine der schärfsten Formulierungen zu diesem Thema: Es sei besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein, besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Mill differenzierte damit gegen Benthams rein quantitativen Hedonismus (jede Lust zählt gleich, nur Intensität und Dauer sind relevant) und führte eine qualitative Dimension ein: Es gibt höhere und niedere Freuden, ein reflektiertes, auch schmerzhaftes Leben wiegt mehr als dumpfe Zufriedenheit. Diesen Gedanken kenne ich schon lange: Meine Abschlussarbeit im Erststudium (Wirtschaftswissenschaften) argumentierte in eine ähnliche Richtung, dass ethisches, rücksichtsvolles Handeln keineswegs unökonomisch-irrational ist, sondern bei genauerem Hinsehen die rationalere Wahl. Mills Sokrates und meine damalige These treffen sich in derselben Grundüberzeugung: Das kurzfristig Unbequeme ist oft langfristig das Klügere.

Das ist der Ausgangspunkt für eine Reise durch drei Theoriestränge, die zusammen ein deutlich robusteres Bild von Glück ergeben als das, was uns die Selbstoptimierungskultur verkauft.

1. Glück existiert nur im Kontrast

Eine der ältesten und zugleich unterschätztesten Einsichten zum Thema: Glücksgefühle und Freude sind relational, nicht absolut. Sie entstehen nicht als Zustand, sondern als Differenz: zu einem vorherigen Zustand, zu einem Referenzpunkt, zu dem, was wir kennen.

Schopenhauer trieb diesen Gedanken ins Pessimistische: Leben pendelt zwischen Mangel (Leiden) und Sättigung (Langeweile). Echtes, stabiles Glück existiere gar nicht, nur die kurze Differenz beim Übergang zwischen beiden Zuständen sei spürbar. Nietzsche wendete den Gedanken affirmativ: Wachstum und Grösse entstehen gerade aus Widerstand, aus dem Überwundenen, aus dem, was uns nicht umbringt.

Empirisch findet sich das in der hedonischen Adaptation (Brickman & Campbell) wieder: Menschen kehren nach positiven wie negativen Lebensereignissen zu einem relativ stabilen Ausgangsniveau (Set-Point) zurück. Der Lottogewinn macht mittelfristig nicht glücklicher, die Querschnittslähmung macht mittelfristig nicht dauerhaft unglücklicher, als man denkt. Das Referenzsystem verschiebt sich mit.

Konsequenz: Wer das Bittere systematisch vermeidet, verliert nicht nur den Kontrast, sondern auch den Massstab, an dem Süsse überhaupt erkennbar wird. Ein Leben ohne Reibung ist kein glückliches Leben, es ist ein Leben ohne Referenzpunkt.

Genau das erlebe ich hier gerade in einer fast paradoxen Form: Ich bin an einem Ort, an dem man eigentlich zwangsläufig glücklich sein müsste, schön, ruhig, ohne Verpflichtungen. Und trotzdem stellt sich mir hier die Frage neu, was Glück eigentlich ist. Das allein ist schon ein Hinweis: Wäre Glück einfach die Summe angenehmer äusserer Umstände, müsste die Frage sich hier erledigen. Tut sie aber nicht. Die bewusst rausgenommene Zeit, das Innehalten selbst, ist es, was den Raum für die Frage überhaupt erst schafft, nicht die schönen Umstände an sich. Das deckt sich mit der Kontrastlogik: Nicht der Ort macht glücklich, sondern die Unterbrechung eines Alltags, zu dem dieser Ort im Kontrast steht.

2. Die Glücksfalle: Wenn das Ziel selbst zum Problem wird

Hier wird es empirisch konkret und für die Positive-Psychologie-Bewegung, unbequem. Iris Mauss und Kolleg:innen zeigten in einer vielzitierten Studienreihe (Emotion, 2011), dass ein starkes Werthalten von Glück als Lebensziel paradoxerweise mit geringerem Wohlbefinden einhergeht: weniger positiver Affekt, mehr negativer Affekt, geringere Lebenszufriedenheit, mehr depressive Symptome. Und das gerade dann, wenn die Lebensumstände objektiv gut sind.

Der Mechanismus: Wer Glück extrem hoch bewertet, setzt sich implizit hohe Glücksstandards. Trifft ein eigentlich positiver Moment ein, wird er nicht einfach erlebt, sondern zugleich bewertet, oft als "nicht glücklich genug" empfunden. Diese metaemotionale Überlagerung (Gefühl über das Gefühl) sabotiert genau das, was eigentlich gesucht wird. Tagebuchstudien zeigen dieses Muster besonders deutlich in Momenten, die eigentlich positiv erlebt werden sollten.

Wichtig für die Einordnung: Die verwendete Valuing-Happiness-Scale steht inzwischen methodisch in der Kritik (Eindimensionalität, problematische Item-Formulierung), Replikationen liefern ein gemischteres Bild als die Ursprungsstudie. Der konkrete Befund von Mauss et al. sollte deshalb eher als Hinweis denn als gesicherte Tatsache gelesen werden. Unabhängig davon findet sich das allgemeinere Muster, dass die direkte, überwachende Verfolgung von Glück kontraproduktiv wirkt, auch in anderen, methodisch unabhängigen Forschungslinien. Schon Schooler, Ariely und Loewenstein (2003) beschrieben es als "self-defeating", dass die bewusste Verfolgung und noch mehr die laufende Bewertung des eigenen Glücks genau das Erleben untergräbt, das eigentlich gesucht wird. Die Grundidee steht also auf breiterer Basis als nur der einen, methodisch umstrittenen Studie, auch wenn deren konkrete Zahlen mit Vorsicht zu lesen sind.

Konsequenz: Glück ist kein Ziel, das man direkt ansteuern kann, ohne es zu verfehlen. Es ist ein Nebenprodukt.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir eine bewusst genommene Auszeit wie diese hier guttut, ohne dass ich mir vornehme, sie müsse erholsam oder schön sein. Sobald "Erholung" zum Projekt mit Erfolgskriterium wird, ist sie nach der Mauss-Logik bereits gefährdet. Die Absicht war lediglich: innehalten, keine Agenda, kein Anspruch an das Ergebnis. Vielleicht ist gerade diese Anspruchslosigkeit der Grund, warum sich hier überhaupt Raum für die Frage öffnet, statt dass ich sie mir wie eine Aufgabe stelle.

3. Eudaimonia statt Hedonismus: Was ein gutes Leben ausmacht

Damit sind wir bei der eigentlich interessanten Frage: Nicht "was macht glücklich", sondern "was macht ein gutes Leben aus". Das sind, wie Aristoteles bereits wusste, zwei verschiedene Fragen.

Aristoteles' Eudaimonia ist kein Gefühlszustand, sondern eine gelungene Lebensführung: Tugendhaftigkeit, Verwirklichung des eigenen Potenzials, Übereinstimmung von Handeln und Charakter. Viktor Frankl radikalisierte das aus der KZ-Erfahrung heraus: Sinn ist auch, gerade auch, im Leiden auffindbar. Glück kann man nicht direkt wollen, es stellt sich als Konsequenz gelebten Sinns ein, nie als direktes Ziel.

Diese Linie findet ihre moderne Fortsetzung in der Self-Determination Theory (Ryan & Deci: Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit als Grundbedürfnisse, nicht Glück als solches), im Flow-Konzept (Csikszentmihalyi: Glück als Begleiterscheinung völliger Vertiefung in eine Tätigkeit, nie als deren Ziel) sowie in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Hayes): Nicht der Zustand "glücklich" ist das Ziel, sondern psychologische Flexibilität, die Fähigkeit, unangenehme innere Zustände auszuhalten und trotzdem wertorientiert zu handeln. Gerade für die therapeutische Praxis, etwa in der Traumaarbeit, ist das zentral: Vermeidung von Schmerz erzeugt keine Stabilität, sondern Rigidität. Verarbeitung braucht Raum für das Bittere, nicht dessen Umdeutung in "positiv reframed".

Diese Haltung trage ich auch in meine Arbeit: Wenn ich mit Klient/innen an Belastendem arbeite, geht es nie darum, das Bittere wegzuoptimieren oder in etwas Positives umzudeuten. Es geht darum, es aushalten und integrieren zu können. Genau daraus entsteht dann tatsächlich mehr Handlungsfähigkeit, mehr Lebendigkeit, vielleicht sogar so etwas wie Glück. Als Nebenprodukt, nie als direktes Ziel der Sitzung. Im Kleinen erlebe ich das auch hier: Diese Tage sind kein Ziel, das erreicht werden muss, sie sind ein Raum, den ich mir nehme, weil das Innehalten selbst einen Wert hat, unabhängig davon, ob am Ende ein bestimmtes Gefühl dabei herauskommt.

Fazit: Die Frage falsch gestellt

Vielleicht ist "was macht glücklich?" schlicht die falsche Frage. Die drei Stränge zusammengenommen ergeben eine andere These:

Glück ist kein Zustand, den man erreichen kann, sondern ein Kontrasteffekt, der sich einstellt, wenn man aufhört, ihn direkt zu verfolgen, und stattdessen ein Leben führt, das Reibung, Sinn und Wachstum nicht ausschliesst, sondern einschliesst.

Die Besessenheit vom Glücklichsein-Müssen, befeuert von einer Selbstoptimierungskultur, die jeden unangenehmen Zustand als Defizit brandmarkt, ist damit nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Mills unzufriedener Sokrates hatte vermutlich mehr vom Leben als das zufriedene Schwein. Nicht trotz seiner Unzufriedenheit. Sondern wegen ihr.

In ein paar Tagen fahre ich zurück in einen fordernden, dichten Praxisalltag und genau das ist in Ordnung so. Diese Auszeit hier ist nicht wertvoll, weil sie mich in einen permanenten Glückszustand versetzt. Sie ist wertvoll, weil sie Kontrast schafft, weil ich nichts von ihr will und weil sie mir noch einmal bestätigt, worauf es ankommt: nicht Glück als Dauerzustand zu jagen, sondern ein Leben zu führen, das Reibung zulässt und genau dadurch reich wird.

Quellen (Auswahl): Mill, J.S. (1863), Utilitarianism. Mauss, I.B., Tamir, M., Anderson, C.L., & Savino, N.S. (2011). Can seeking happiness make people happy? Paradoxical effects of valuing happiness. Emotion. Schooler, J.W., Ariely, D., & Loewenstein, G. (2003). The pursuit and assessment of happiness may be self-defeating. Brickman, P. & Campbell, D.T. (1971). Hedonic relativism and planning the good society. Frankl, V. (1946). Trotzdem Ja zum Leben sagen. Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Ryan, R.M. & Deci, E.L. (2000). Self-determination theory. Hayes, S.C. (1999). Acceptance and Commitment Therapy.

Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungspsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430