Ich erlebe es immer wieder: Ein Mensch sitzt vor mir, mit perfektem Äusseren, Traumjob, Traumhaus, Traumfamilie, etc.. Von aussen das perfekte Leben nach Vorlage. Und dann kommt: "Ich weiss gar nicht mehr, wer ich bin und was ich eigentlich will." Genau dieses Paradox steht im Zentrum des Buches "Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit" des Psychoanalytikers und Existenzphilosophen Carlo Strenger. Seine These: Wir haben uns selbst zur Handelsware gemacht und dabei genau das verloren, was ein Leben eigentlich ausmacht.

Wann hast du das letzte Mal etwas getan, ohne es danach irgendwie zu bewerten, zu tracken oder zu dokumentieren?

Selbstoptimierung: Ein Deal mit hohem Preis

Seit den 1990er-Jahren, so Strenger, hat sich ein globales Bewertungssystem etabliert, das keinen Lebensbereich ausspart: Karriere, Beziehungen, Körper, sogar Spiritualität, alles wird gerankt, gemessen, verglichen. Wer verdient wie viel. Wer hat wie viele Follower. Wessen Beziehung sieht auf Instagram am stimmigsten aus. Wessen Kinder sind am erfolgreichsten, am glücklichsten, am vorzeigbarsten. Sichtbarkeit ersetzt Substanz, weil Substanz sich schlecht in eine Rangliste packen lässt.

Die Botschaft dahinter, verpackt in Slogans wie "Just do it" oder "Impossible is nothing": Es gibt keine Grenzen mehr. Alles ist machbar, solange man nur genug will. Was zunächst nach Ermutigung klingt, hat einen Haken: Wenn alles machbar ist, gibt es auch keine Entschuldigung mehr fürs Nicht-Erreichen. Wer nicht wächst, optimiert, performt, hat es sich selbst zuzuschreiben.

Strenger illustriert das unter anderem an der Serie "Sex and the City". Zwar überzeichnet, aber treffend: Die Figuren definieren ihren Wert über Wohnungseinrichtung, Partyeinladungen, Markenkleidung. Ihr Selbstgefühl hängt an Dingen, die man zeigen, fotografieren, bewundern lassen kann. Man könnte das als Kulturkritik von aussen abtun, als etwas, das mit einem selbst nichts zu tun hat. Nur: Wer heute LinkedIn, Instagram oder auch einfach nur den nächsten Elternabend betritt, bewegt sich in derselben Logik, nur mit anderen Requisiten.

Wenn du dein Leben gerade jemandem in drei Sätzen zusammenfassen müsstest: Würdest du Kennzahlen aufzählen oder eine Geschichte erzählen?

Die meisten von uns würden vermutlich zuerst bei den Kennzahlen landen, auch wenn wir wüssten, dass es die Geschichte ist, die eigentlich zählt. Das ist das Ergebnis eines Zeitgeists, der uns genau das über Jahrzehnte eintrainiert hat.

Das klingt nach Befreiung. Ist es aber nicht. Es ist ein stiller Deal, den kaum jemand bewusst eingeht: Wir tauschen die Frage "Wer bin ich?" gegen die Frage "Wie schneide ich ab?" und merken erst spät, wie teuer dieser Tausch war.

Der Supermarkt der Erlösung: Warum Selbsthilfe oft nicht hält, was sie verspricht

Strenger hat in den 90er-Jahren beobachtet, wie sich das Verhältnis von seriöser Psychologie und Philosophie zu Selbsthilfe- und Spiritualitäts-Literatur in Buchläden fast komplett umgekehrt hat. Sein Punkt dabei ist nicht elitäre Abgrenzung, sondern etwas Konkreteres: Ein grosser Teil dieser Angebote ist intellektuell inkohärent, denn sie kombinieren wahllos Ideen aus völlig unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Denksystemen! Hauptsache, es funktioniert emotional, ob es logisch haltbar ist, interessiert dabei niemanden.

Ein Beispiel, das Strenger genauer unter die Lupe nimmt: Ein bekannter New-Age-Lehrer (spiritueller Guru) sagt sinngemäss, moderne Physik habe bewiesen, dass es "keine objektive Wirklichkeit" gebe und somit alles relativ ein. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, könne man der Wissenschaft nicht mehr trauen. Das macht in der Folge den Weg frei für "uraltes Wissen" und spirituelle Heilslehren. Klingt beeindruckend. Ist aber Etikettenschwindel. Was in der Physik gemeint ist, ist etwas ganz Bestimmtes und sehr Begrenztes: dass Messungen auf kleinster Teilchenebene gewisse Unschärfen haben. Daraus zu machen "es gibt keine Wirklichkeit mehr" ist ein Sprung, der nicht aufgeht. Der wissenschaftliche Begriff wird hier nur als schickes Aushängeschild missbraucht, nicht in seiner eigentlichen Bedeutung.

Was hat das mit deinem Alltag zu tun? Mehr, als du dir vielleicht im ersten Moment vorstellen kanns, denn auch viele gängige Selbstoptimierungs-Geschichten funktionieren nach diesem Muster: Neurowissenschaft, Stoizismus, Achtsamkeit, Leistungssport-Mentalität, Manifestations-Lehren: Alles wird vermischt, solange die Botschaft motivierend und überzeugend bleibt.

Eine Frage, die du dir stellen solltest, bevor du zur nächsten Methode, App oder dem nächsten Buch greifst: Würde diese Methode, App oder dieses Buch oder Konzept einer kritischen Nachfrage standhalten oder funktioniert es nur, solange ich nicht genauer hinschaue?

Strenger betont: Das ist kein Vorwurf an einzelne Menschen. Es ist eine Reaktion auf ein echtes Bedürfnis: Angst vor Bedeutungslosigkeit. Nur: Ein Weltbild, das keiner inneren Logik standhält, kann kurzfristig trösten, aber keine stabile Grundlage für dauerhaften Sinn bieten. Sobald man kritisch nachfragt, bricht es in sich zusammen und man steht wieder am Anfang.

Der Mythos, dass die Weichen früh gestellt sein müssen

Ein zweiter blinder Fleck des Selbstoptimierungs-Zeitgeists: Die Vorstellung, mit 30 müsse man "auf Kurs" sein und mit 40 die Richtung fixiert haben, denn wer dann noch sucht, hat versagt.

Strenger bringt hier ein hübsch ironisches Beispiel: Elliot Jaques, ein kanadischer Psychoanalytiker und Organisationsberater, prägte 1965 den Begriff "Midlife-Crisis". Er selbst war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, sass also mittendrin in genau jener Lebensphase, die er beschrieb. Seine Beobachtung stützte sich unter anderem auf eine Untersuchung von über 300 Künstlerbiografien, Malern, Komponisten, Schriftstellern, bei denen er feststellte, dass viele von ihnen um die Lebensmitte herum eine tiefgreifende schöpferische Krise durchliefen. Manche verstummten künstlerisch für Jahre, manche starben in dieser Phase sogar früh, andere aber durchliefen eine Art zweite Geburt ihrer Kreativität.

Genau dieser zweite Teil ging in der öffentlichen Rezeption fast vollständig verloren. "Midlife-Crisis" wurde zum Kürzel für rote Sportwagen, neue Partner:innen und den verzweifelten Versuch, die eigene Jugend künstlich zu verlängern. Jaques meinte aber etwas anderes: Der Auslöser der Krise ist die erste wirkliche Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, das Bewusstsein, dass die Lebenszeit nicht mehr unbegrenzt vor einem liegt, sondern zunehmend hinter einem. Wer diese Konfrontation nicht verdrängt, sondern aushält, kommt seiner Beobachtung nach oft in eine reifere, gefestigtere Schaffensphase, die weniger von jugendlichem Überschwang lebt und mehr von Tiefe, Klarheit und einer Art hart erarbeiteter Gelassenheit.

Für Strenger ist das ein perfektes Gegenbeispiel zum Selbstoptimierungsdenken: Die Lösung der Lebensmitte-Krise liegt nicht darin, jung zu bleiben, fit zu bleiben, relevant zu bleiben um jeden Preis. Sie liegt darin, die eigene Begrenztheit ehrlich anzunehmen, und genau daraus wächst bei vielen Menschen eine Schaffenskraft, die vorher gar nicht möglich war.

Wo in deinem Leben hast du eine Deadline verinnerlicht, die eigentlich niemand ausser dir selbst gesetzt hat?

Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Grenzen

Der interessanteste Gedanke bei Strenger ist aber nicht die Diagnose, sondern die Alternative. Er stützt sich dabei auf Karl Jaspers, einen deutschen Philosophen und Psychiater, der selbst als junger Mann schwer lungenkrank wurde und sein Leben lang mit dieser Krankheit leben musste. Genau aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Jaspers einen Gedanken, der auf den ersten Blick simpel klingt, aber viel Tiefe hat: Es gibt in jedem Leben Grenzen, die man nicht wegdenken, nicht wegtrainieren und nicht wegoptimieren kann. Jaspers nannte das unser "Sosein", also einfach gesagt: der Teil von uns, der bleibt, wie er ist, egal wie sehr wir daran arbeiten. Das klingt zuerst ernüchternd. Ist es aber nicht, sondern eher das Gegenteil. Jaspers' Punkt ist: Genau in dem Moment, in dem wir an eine solche unveränderliche Grenze stossen, werden wir auf unsere eigentliche Freiheit zurückgeworfen, nämlich die Freiheit, wie wir mit dieser Grenze umgehen.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Selbstporträts von Rembrandt. Über vierzig Jahre hinweg malte er sich selbst, mehr als neunzig Mal. In seinen jungen Jahren dienten diese Bilder noch vor allem dazu, sich als erfolgreichen Künstler zu präsentieren. Später aber, nachdem er selbst Ruhm, Absturz und Alter erlebt hatte, wurden seine Selbstporträts zu etwas ganz anderem: schonungslos ehrlich, mit allen Falten und Spuren des Lebens und trotzdem nicht traurig oder deprimierend, sondern von einer stillen Würde geprägt. Rembrandt versteckte sich nicht mehr. Er schaute genau hin, malte, was er sah und genau darin lag seine Freiheit. Das ist es, was Strenger mit aktiver Selbstakzeptanz meint: seine Grenzen nicht schönzureden und nicht zu bekämpfen, sondern sie so klar wie möglich zu sehen und von dort aus weiterzuleben.

Das klingt zunächst nach Resignation. Ist es aber ausdrücklich nicht. Der Selbstoptimierungsdiskurs kennt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder du kämpfst dich zu einem besseren Selbst hoch, oder du hast eben Pech gehabt. Jaspers denkt hier ganz anders. Sein Punkt ist: Genau dann, wenn wir an eine Grenze stossen, die sich nicht wegtrainieren lässt, werden wir auf unsere eigentliche Freiheit zurückgeworfen. Nicht die Grenzenlosigkeit macht frei, sondern ein ehrlicher Umgang mit den eigenen Grenzen.

Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der Literatur, im Roman "Herzog" von Saul Bellow. Die Hauptfigur, Moses Herzog, ist ein Universitätsprofessor Mitte vierzig, dessen Leben gerade komplett auseinanderfällt. Seine Frau Madeleine hat ihn für seinen besten Freund verlassen, seine grosse wissenschaftliche Lebensarbeit bleibt unvollendet und er selbst steht kurz vor dem seelischen Zusammenbruch. Statt sich nun neu zu erfinden oder mit eisernem Willen "das Beste daraus zu machen", tut Herzog etwas ganz anderes: Er beginnt, wie besessen Briefe zu schreiben, an Freunde, an berühmte Philosophen, an Politiker, sogar an seine verstorbene Mutter und an Gott selbst. Keiner dieser Briefe wird je abgeschickt. Es ist reine, ungeschönte Verarbeitung, ein Mann, der versucht, sich selbst zu verstehen, mit allem, was schiefgelaufen ist.

Interessant ist, dass Bellow diesen Roman in einer ganz ähnlichen Lebensphase schrieb, mitten in seiner eigenen dritten Scheidung. Am Ende des Buches steht keine grosse Wende, kein Neustart-Programm, keine Selbstoptimierung. Herzog findet stattdessen eine Art Ruhe darin, sich selbst endlich so anzusehen, wie er wirklich ist, mit allen Fehlern und Brüchen. Genau das meint Strenger mit aktiver Selbstakzeptanz: nicht die Fehler wegmachen, sondern sie ansehen können, ohne sich selbst deswegen zu verurteilen.

Aktive Selbstakzeptanz heisst: die eigenen Begrenzungen nicht wegzuoptimieren versuchen, sondern kennenzulernen und von dort aus zu entscheiden, was wirklich zählt. Das ist harte Arbeit. Aber es ist die einzige Arbeit, die tatsächlich zu einem Leben führt, das sich wie das eigene anfühlt, nicht wie ein weiteres Projekt auf der To-do-Liste.

Was an dir selbst würdest du gerne "wegoptimieren" und was, wenn genau das ein Teil deines Charakters wäre, den du bisher nur nicht als liebenswert erkannt hast?

Die psychologischen Kosten sind real und messbar

Das ist keine graue Theorie, das erlebe ich in meiner Arbeit fast täglich. Was Strenger kulturphilosophisch herleitet, zeigt sich in der Praxis in ganz konkreten Symptomen:

  • Chronische Selbstwert-Instabilität. Wenn der eigene Wert an ständig neu zu erbringende Leistung gekoppelt ist, gibt es keinen sicheren Boden mehr , nur die nächste Bewährungsprobe.
  • Die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Nicht Versagen macht am meisten Angst, sondern Irrelevanz, nicht mehr zu zählen, nicht mehr sichtbar zu sein.
  • Erschöpfung durch Selbstüberwachung. Wer sich unentwegt selbst optimiert, beobachtet sich auch unentwegt selbst. Das ist kognitiv wie emotional zermürbend und ein direkter Nährboden für Burnout.
  • Inkohärente Trostangebote, die nicht tragen. Wenn die Methoden, an die wir uns klammern, einer kritischen Prüfung nicht standhalten, bricht genau in Krisenmomenten die Grundlage weg, auf die wir uns verlassen hatten.
  • Der Jugend- und Machbarkeits-Mythos. Die Vorstellung, die Weichen müssten früh gestellt sein, erzeugt genau jene Torschlusspanik, die Menschen in ihren produktivsten Lebensphasen lähmt, statt sie zu befreien.

Kurz: Der Selbstoptimierungs-Hype verspricht Kontrolle über das eigene Leben. Er liefert stattdessen ein Leben in permanenter Bewährung und genau das macht krank.

Was das für den Alltag bedeutet

Ein paar Fragen zum Mitnehmen:

  • Wofür optimierst du gerade eigentlich für dich, oder für ein Ranking, das du dir nicht ausgesucht hast?
  • Was würdest du tun, wenn niemand zusähe und nichts davon messbar wäre?
  • Wo in deinem Leben verwechselst du Selbstverbesserung mit Selbstflucht?
  • Welche deiner "Wachstums-Methoden" hältst du für unantastbar und hast du sie je kritisch hinterfragt?
  • Wenn du in zehn Jahren zurückblickst: Wird es die Selbstoptimierung gewesen sein, an die du dich erinnerst oder die Momente, in denen du dir selbst wirklich begegnet bist?

Diese Fragen liefern keine schnellen Antworten. Und das ist der Punkt: Ein Leben, das sich stimmig anfühlt, mit stabilem Boden unter den Füssen, entsteht nicht durch die nächste Selbstoptimierung, sondern durch die Bereitschaft, dir selbst wirklich zu begegnen, mit allem, was dich ausmacht. Nicht perfekt. Aber echt.

Wenn dich diese Fragen beschäftigen und du sie nicht allein durchdenken möchtest: In der Psychologische Beratung und im Coaching bei ConSenso Consulting bekommst du genau dafür Raum, jenseits von Selbstoptimierungsdruck.

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Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungspsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430