Wer bin ich eigentlich? Identitätsentwicklung im Jugendalter – ein paar Gedanken für Eltern und Jugendliche
01. August 2026
„Ich weiss nicht, wer ich bin." Diesen Satz höre ich in meiner Praxis von Jugendlichen genauso oft wie den verzweifelten Nachsatz vieler Eltern: „Ich erkenne mein Kind nicht mehr wieder." Beide haben recht. Und beide sind (meistens) auf einem völlig normalen Weg.
Identitätsentwicklung im Jugendalter ist die zentrale psychologische Aufgabe. Sie ist unruhig, manchmal chaotisch, oft schmerzhaft und in den allermeisten Fällen gesund. Dieser Artikel richtet sich bewusst an zwei Adressaten gleichzeitig: an Eltern, die verstehen wollen, was gerade in ihrem Kind vorgeht, und an Jugendliche, die vielleicht selbst gerade das Gefühl haben, sich in sich selbst zu verlieren. Wenn ihr diesen Text zusammen lest, umso besser.
Was ist „Identität" überhaupt?
Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson hat den Begriff geprägt, der bis heute die Grundlage der Forschung bildet: Identität ist das Gefühl, trotz aller Veränderung im Kern derselbe Mensch zu bleiben. Und das über Zeit, über Situationen, über verschiedene Rollen hinweg. Die Schülerin, die Tochter, die beste Freundin, die Fussballspielerin, sind verschiedene Rollen, aber es sollte sich wie eine Person anfühlen, die sie alle lebt.
Genau das ist die Aufgabe im Jugendalter Jugendzeit: aus einem Kind, das seine Identität weitgehend von den Eltern übernommen hat, einen jungen Menschen zu machen, der selbst herausgefunden hat, wer er ist, was ihm wichtig ist und wofür er stehen will.
Das geht nun mal nicht immer ohne Reibung und es geht auch nicht ohne Ausprobieren. Und das ist der Teil, den viele Eltern am schwersten aushalten! Es geht nicht ohne ein Stück Ablösung von dem, was die Eltern sich vorgestellt oder gewünscht hatten. Ich spreche hier nicht nur aus der Erfahrung als Psychologin, sondern aus eigener Erfahrung als Mutter.
Warum fühlt sich das für alle so chaotisch an?
Ein hilfreiches Bild: Jugendliche haben noch keine fertige Landkarte von sich selbst, aber sie entwickeln nach und nach einen Kompass. Am Anfang zeigt dieser Kompass mal in diese, mal in jene Richtung. Das bedeutet nicht, dass er kaputt ist, sondern dass sich dieser Kompass erst mal kalibrieren muss.
Genau so ist die jugendliche Identitätsentwicklung: von aussen (und oft auch von innen) sieht es nach Chaos aus. Ein Teenager kann sich innerhalb weniger Monate politisch, musikalisch, in der Freundesgruppe, im Kleidungsstil, sogar in Werten komplett neu erfinden. Und das gehört nun mal zur Identitätsfindung zu, denn sonst kann sich der Kompass nicht stimmig einpendeln.
Für Jugendliche: Wenn du das Gefühl hast, du „findest dich nicht" oder ständig unterschiedliche Versionen von dir selbst ausprobierst, das ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es ist der eigentliche Job, den du gerade erledigst.
Für Eltern: Wenn euer Kind plötzlich Ansichten vertritt, die eurem eigenen Weltbild widersprechen, sich anders kleidet, andere Freunde hat als „früher", ist das in der Regel keine Ablehnung von euch als Familie, sondern der notwendige Prozess des Selbst-Herausfindens.
Die zwei Kernfragen jeder Identitätsarbeit
Nach dem Entwicklungspsychologen James Marcia lässt sich jugendliche Identitätsarbeit auf zwei Grundfragen zurückführen:
1. Frage: Habe ich mich mit verschiedenen Möglichkeiten aktiv auseinandergesetzt? (Habe ich verschiedene Freundeskreise, Weltanschauungen, Interessen, Berufswünsche ausprobiert und geprüft?)
2. Frage: Habe ich mich zumindest vorläufig für etwas entschieden, das sich stimmig anfühlt?
Je nachdem, wie diese beiden Fragen aktuell beantwortet sind, befindet sich ein Jugendlicher in einer von vier typischen Phasen. Wichtig vorweg: Das ist keine Reihenfolge, die man sauber „von 1 bis 4" durchläuft und dann abhakt. Jugendliche pendeln über Jahre zwischen diesen Phasen, oft in unterschiedlichen Lebensbereichen gleichzeitig. Zum Beispiel beruflich schon gefestigt, aber in Sachen Weltanschauung noch mitten im Umbruch.
Phase 1: Diffusion – weder gesucht noch gefunden
Weder ist aktiv nach Antworten gesucht worden, noch gibt es eine Festlegung. Das kann sich als Orientierungslosigkeit zeigen („Ich hab keine Ahnung, was ich mal machen will, und irgendwie ist mir das auch egal"), manchmal auch als eine Art Gleichgültigkeit oder Rückzug. Diese Phase ist besonders am Anfang der Jugendzeit häufig und für sich genommen kein Warnsignal, erst wenn sie sich über Jahre nicht verändert und mit deutlichem Leidensdruck einhergeht, lohnt sich ein genauerer Blick.
Phase 2: Übernahme (Foreclosure) – festgelegt, ohne selbst geprüft zu haben
Hier gibt es zwar eine klare Festlegung, z.B. ein Berufsziel, eine politische Haltung, ein Wertesystem–, aber sie wurde nicht selbst erarbeitet, sondern weitgehend unreflektiert von den Eltern oder einer anderen wichtigen Autorität übernommen. Von aussen wirkt das oft unproblematisch, weil es „harmonisch" und konfliktfrei aussieht. Genau das ist aber die Krux: Weil die Übernahme nie wirklich geprüft wurde, kann sie später, manchmal erst mit 30 oder 40, ins Wanken geraten, wenn eine Lebenskrise die ungeprüfte Grundlage sichtbar macht.
Phase 3: Moratorium – aktives Suchen, Ausprobieren, Infragestellen
Das ist die Phase, die von aussen am chaotischsten wirkt und Eltern am meisten fordert: aktives Ausprobieren verschiedener Freundeskreise, Meinungen, Stile, Wertvorstellungen, oft mit deutlichen Widersprüchen von einer Woche zur nächsten. Innerlich ist diese Phase meist mit spürbarer Anspannung, Unsicherheit oder auch Krisenhaftigkeit verbunden. Sie ist aber entwicklungspsychologisch der eigentliche Motor: Ohne diese Phase des Ausprobierens und Infragestellens entsteht keine wirklich eigene, tragfähige Identität.
Phase 4: Erarbeitete Identität – eine eigene, geprüfte Festlegung
Nach einer Phase aktiver Auseinandersetzung ist eine Festlegung entstanden, die sich stimmig anfühlt, weil sie tatsächlich selbst geprüft wurde. Und nicht, weil sie von aussen vorgegeben war (wie bei der Übernahme) und nicht, weil die Suche einfach aufgegeben wurde. Diese Festlegung ist trotzdem nicht in Stein gemeisselt. Auch Menschen mit „erarbeiteter Identität" können später wieder in ein Moratorium zurückkehren, wenn sich Lebensumstände grundlegend ändern.
Wichtig zu wissen: Diese Phasen sind kein Zeugnis. Niemand „besteht" die Identitätsentwicklung mit „erarbeiteter Identität" und „versagt" mit „Diffusion". Und das Anstrengende an diesen Phasen ist gerade, dass sie sich nicht ordentlich der Reihe nach abwechseln. Ein Teenager kann in der Freundschaftsfrage schon im Moratorium sein, während er beim Berufswunsch noch die elterliche Vorstellung unreflektiert übernommen hat, und in der Weltanschauung wiederum komplett diffus ist. Kein Wunder, dass es von aussen wie ein einziges Durcheinander aussieht und von innen oft noch mehr.
Muss Identitätsarbeit heftig sein? Der Rebellions-Mythos
Ein häufiges Missverständnis dabei: Identitätsarbeit muss nicht zwingend mit Zoff, Rebellion oder offenem Konflikt einhergehen. Das populäre Bild der „stürmischen Pubertät" mit unausweichlichem Elternkonflikt geht auf den amerikanischen Psychologen G. Stanley Hall zurück, der die Jugendzeit bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als zwangsläufige Phase von „Storm and Stress" beschrieb. Dieses Bild hält der späteren Forschung jedoch nur bedingt stand.
Bereits 1969 stellte der Psychiater Daniel Offer in einer breit angelegten Studie fest, dass sich Eriksons Konzept der dramatischen „Identitätskrise" nicht verallgemeinern lässt. Die meisten Jugendlichen durchleben nie eine Krise in diesem intensiven Sinne. Die Psychologen Douvan und Adelson kamen 1966 in einer Befragung von über dreitausend amerikanischen Jugendlichen zum gleichen Ergebnis: Nur ein kleiner Teil zeigte tatsächlich ausgeprägte Anzeichen von Unruhe, Konflikt oder Instabilität. Der Grossteil kam deutlich ruhiger durch diese Zeit, als das populäre Klischee suggeriert.
Der Entwicklungspsychologe Jeffrey Arnett hat das Konzept später präzisiert: „Storm and Stress" beschreibt demnach Tendenzen, die in der Jugendzeit zwar häufiger auftreten (mehr Konfliktpotenzial, stärkere Stimmungsschwankungen, mehr Risikobereitschaft), die aber weder universell noch zwingend sind. Wie stark sich das zeigt, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: Erziehungsstil, Persönlichkeit, Peereinfluss, sozioökonomisches Umfeld und nicht zuletzt kulturelle Prägung. Interessant dazu: In stärker kollektivistisch geprägten, nicht-westlichen Kulturen suchen Jugendliche in dieser Phase häufig eher familiäre Nähe und Unterstützung, statt sich aktiv abzugrenzen. Ein Hinweis darauf, dass Ablösung über Konflikt eher ein kulturell geprägtes Muster ist als ein biologisch zwingender Entwicklungsschritt.
Was heisst das konkret für euch als Eltern? Ob sich die Identitätssuche eures Kindes eher leise oder eher laut abspielt, hängt stark von der Persönlichkeit ab: Ein zurückhaltender, introvertierter Jugendlicher kann genauso intensiv im Moratorium stecken, wie ein lautstark diskutierender. Nur dass die Auseinandersetzung eher innerlich stattfindet. Wenn euer Kind also nie richtig „rebelliert" hat, heisst das nicht automatisch, dass es seine eigene Identität nicht findet oder die elterlichen Vorstellungen bloss unreflektiert übernommen hat. Es kann genauso gut bedeuten, dass die Persönlichkeit einen leiseren, nach innen gerichteten Weg durch dieselbe Aufgabe nimmt.
Wann wird aus normaler Krise etwas, das genauer hingeschaut werden sollte?
Ich vertrete ich die Meinung, dass die meisten jugendlichen Identitätskrisen keine Therapie brauchen. Beratung, für Jugendliche und Eltern kann hingegen sehr hilfreich sein. Und letztlich fehlt uns oft schlicht das Wissen, um psychologische Prozesse zu verstehen. Das nennt man Psychoedukation und ist matchentscheidend. Wenn wir wissen und verstehen, was bei uns, unseren Kinder und Mitmenschen psychologische vorgeht oder vorgehen könnte, entsteht Leid oft erst gar nicht. Die Identitätsfindung brauchen Geduld, Gesprächsbereitschaft und Eltern, die aushalten. Es gibt aber Anzeichen, bei denen sich ein genauerer Blick und gegebenenfalls fachliche Unterstützung lohnt:
Eher unbedenklich (normative Krise):
- Stimmungsschwankungen sind nachvollziehbar an konkreten Situationen festzumachen
- Schule, Freundschaften und Alltag funktionieren grundsätzlich weiter, auch wenn es Reibung gibt
- Ihr könnt euch mit eurem Kind noch (wenn auch manchmal mühsam) austauschen
- Es gibt zwischendurch auch Phasen der Klarheit / Ruhe
Genauer hinschauen lohnt sich, wenn:
- Der Zustand sich über viele Monate nicht verändert oder sogar verschlimmert, unabhängig von äusseren Umständen
- Schule, Freundschaften oder Familienleben massiv und dauerhaft beeinträchtigt sind
- Starke Stimmungsumschwünge auftreten, die sich innerhalb weniger Stunden ändern, ohne erkennbaren Anlass
- Beziehungen extrem wechselhaft sind, eine Person ist erst „die/der Beste", dann abrupt „furchtbar"
- Selbstverletzendes Verhalten auftritt, das sich wiederholt
- Euer Kind ein tiefes, quälendes Gefühl innerer Leere beschreibt, nicht „ich weiss nicht, was ich will", sondern eher „ich weiss nicht, ob überhaupt etwas von mir echt, stimmig, gut ist"
Wenn mehrere dieser Punkte über längere Zeit zutreffen, ist das kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund, sich fachliche Unterstützung zu holen.
Was Eltern konkret tun können
Aushalten statt eingreifen. Der schwierigste und wichtigste Punkt. Euer Kind muss diese Suche selbst durchleben. Eure Aufgabe ist nicht, die „richtige" Identität vorzugeben, sondern ein sicherer Hafen zu sein, in den es zurückkehren kann, wenn die Suche anstrengend wird.
Neugier statt Bewertung. Statt „Warum hast du dich denn jetzt so verändert?" eher: „Erzähl mir, was dir daran wichtig ist." Die erste Frage klingt nach Vorwurf, die zweite nach echtem Interesse.
Die eigene Kränkung erkennen. Es ist völlig normal, sich verletzt zu fühlen, wenn das eigene Kind Werte oder Wege ablehnt, die einem selbst wichtig waren. Das ist eure Aufgabe, nicht die eures Kindes. Sprecht darüber mit Partner:in, Freund:innen oder professionell, statt es zum Thema zwischen euch und eurem Kind zu machen.
Beziehung vor Kontrolle. Forschung wie auch Praxiserfahrung zeigen konsistent: Eine tragfähige, warme Beziehung ist ein weit stärkerer Schutzfaktor für eine gesunde Identitätsentwicklung als jede Regel oder Kontrolle.
Konsequenzen ja, Ablehnung nein. Ihr dürft und sollt Grenzen setzen, bei Verhalten, nicht bei der Identität selbst. „Du kommst nicht später als 22 Uhr heim" ist etwas anderes als „Diese Freunde gefallen mir nicht, du triffst dich nicht mehr mit denen."
Was Jugendliche für sich selbst tun können
Ihr müsst nicht „fertig" sein. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Identität abgeschlossen ist. Auch Erwachsene entwickeln sich weiter. Der Druck, mit 16 oder 18 schon zu wissen, „wer man ist", ist unrealistisch und unnötig.
Ausprobieren ist der Weg, nicht der Fehler. Wenn ihr eine Freundesgruppe, einen Stil, eine Meinung wieder verwerft, ist das ist kein Scheitern. Genau das ist der Prozess, durch den ihr herausfindet, was wirklich zu euch passt.
Sucht euch mindestens eine Person, mit der ihr ehrlich sein könnt. Muss nicht ein Elternteil sein, kann auch eine Lehrperson, eine Tante, eine gute Freundin sein. Wichtig ist, dass es jemand ist, der zuhört, ohne sofort zu bewerten oder zu korrigieren.
Achtet auf euch selbst. Wenn sich das innere Chaos nicht wie „aufregend-anstrengend", sondern wie „quälend-lähmend" anfühlt, wenn ihr euch selbst verletzt, um irgendetwas zu spüren, oder wenn ihr das Gefühl habt, gar nichts an euch sei „echt": Das sind Signale, bei denen es sich lohnt, mit einem Erwachsenen darüber zu sprechen, dem ihr vertraut. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge.
Ein Gedanke zum Schluss
Identitätsentwicklung ist keine Aufgabe, die Jugendliche allein bewältigen, und auch keine, die Eltern für sie lösen können. Es ist ein gemeinsamer Prozess, auch wenn er sich manchmal wie ein Gegeneinander anfühlt. Die Baustelle braucht Zeit, sie braucht Geduld von allen Seiten, und sie braucht vor allem eines: das Vertrauen, dass am Ende – trotz allem Ausschlagen unterwegs – eine klare Richtung gefunden wird.
Wenn ihr als Familie das Gefühl habt, in dieser Phase Unterstützung zu brauchen, sei es als Beratung für Jugendliche selbst oder als Begleitung für Eltern, die eine herausfordernde Ablösungsphase durchleben, nehmt gerne Kontakt auf.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungpsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430