«Es gibt keine Narzissten?!» – Ein Buch stellt alles infrage
20. Juli 2026
«Narzissten gibt es nicht, nur Menschen in narzisstischen Nöten.»
Das ist die These von Klaus Eidenschink in seinem 2024 erschienenen Buch «Es gibt keine Narzissten! Nur Menschen in narzisstischen Nöten» (Carl-Auer Verlag). Meine erste Reaktion beim Lesen des Titels: Schön wär's. Wer beruflich mit Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen arbeitet, weiss, wie zäh, wie therapieresistent, wie erschöpfend diese Arbeit sein kann. Gerade bei den ausgeprägteren Formen gilt in der Fachwelt nicht ohne Grund: schwer therapierbar, häufig therapieabbrechend, oft gar nicht erst in Behandlung zu bringen, weil kein Leidensdruck bei der betroffenen Person selbst, sondern primär im Umfeld entsteht. Nebenbei bemerkt: Die «narzisstische Persönlichkeitsstörung» als eigenständige Diagnose gibt es in der ICD-11 gar nicht mehr. Persönlichkeitsstörungen werden dort dimensional erfasst, klinisch zeigt sich Narzissmus als Kombination aus Dissozialität (Empathiemangel, Ausbeutung anderer) und übersteigertem Selbstwertgefühl (Grandiosität). Das ändert nichts an der klinischen Realität, macht aber deutlich, wie sehr sich auch die Fachwelt selbst vom alten, kategorialen Etikettendenken verabschiedet hat. Eidenschinks Titel klingt fast schon nach jener Versöhnlichkeit, die man Menschen mit narzisstischen Mustern gerne entgegenbringen möchte und die in der Praxis oft an ihre Grenzen stösst. Denn meine Erfahrung ist, dass narzisstische Menschen oder Menschen mit narzisstischen Nöten, sehr selten den Weg in meine Praxis finden, sondern vielmehr ihre Partnerinnen und Partner. Ich würde mir wünschen, dass wäre anders, denn das würde viel Leid ersparen und lindern, sowohl bei den betroffenen Selbst wie auch bei ihren Opfern. Aber zum Thema Täter und Opfer später mehr. Denn auch das lässt sich nicht kategorisch zuweisen.
Und trotzdem: Dieses Buch hat meine Sichtweise auf das Thema erweitert. Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick, inklusive der Frage, wo ich am Ende trotzdem anderer Meinung bleibe als der Autor. Und inklusive drei Checklisten zum Selbsttest, die weiter unten folgen.
Interessant übrigens: Der plakative Titel ist keine reine Verlags-Marketingidee, die dem Inhalt übergestülpt wurde. Eidenschink vertritt diese gewagte These explizit und ausführlich als seine eigene Überzeugung, auch in Interviews. Dass ein derart absolut formulierter Satz auf dem Cover gleichzeitig verkaufsfördernd wirkt, schadet dem Buch dabei natürlich nicht.
Wer schreibt hier - Klaus Eidenschink
Klaus Eidenschink ist Psychotherapeut, Coach und Ausbilder mit systemisch-integrativem Hintergrund. Sein Buch richtet sich explizit nicht nur an Fachpersonen, sondern an «alle und jede(n)». Eltern, Paare, Führungskräfte, Betroffene und Angehörige. Genau das ist auch sein Verdienst: Er holt das Thema aus der Schublade der Pop-Psychologie-Diagnose («Mein Ex ist ein Narzisst») zurück in ein differenziertes psychologisches Verständnis.
Zur Einordnung, was «Narzissmus» als Begriff eigentlich meint und welche unterschiedlichen Ausprägungen es gibt, verweise ich gerne auf meinen früheren Beitrag dazu, in dem ich die verschiedenen Narzissmus-Formen im Detail beschrieben habe. Der heutige Beitrag setzt bewusst dort an, wo dieser aufgehört hat: bei der Frage, wie narzisstische Muster entstehen und was das für uns alle bedeutet.
Die Grundidee: Narzissmus als Überlebensstrategie, nicht als Charakterfehler
Eidenschinks zentrale Verschiebung: Weg von der Frage «Was stimmt nicht mit dieser Person?», hin zu «Welche frühe Not hat dazu geführt, dass jemand so wurde?». Narzisstische Not entsteht für ihn dort, wo Kinder chronisch falsch gespiegelt werden. Nicht in dem, was sie sind, sondern in dem, was Bezugspersonen emotional in ihnen sehen wollen. Drei Mechanismen beschreibt er dabei besonders eindrücklich:
- Falscher Kontakt: Eltern reagieren nicht auf das Kind, sondern auf ihr Bild vom Kind.
- Fehldosiertes Echo: entweder chronisch fehlende oder chronisch überzogene, realitätsferne Bestätigung.
- Fehlende Rhythmik: Kontakt, der ständig unterbrochen und wiederaufgenommen wird, ohne Abstimmung auf das Tempo des Kindes.
Das Ergebnis ist aus seiner Sicht keine «Selbstwertstörung» im landläufigen Sinn, sondern eine innere Leere, ein fehlender Zugang zur eigenen Selbstwahrnehmung. Die Betroffenen spüren nicht, was sie wollen, sondern was sie glauben, wollen zu sollen. Bedürfnisse werden durch «Ersatzbedürfnisse» ersetzt: Grandiosität, Kontrolle und Bewunderung alles Mittel, um eine Leere zu übertünchen, die sich mit Applaus nie wirklich füllen lässt.
Besonders scharf finde ich seine Unterscheidung zwischen Bewunderung und Liebe sowie zwischen Stolz und Grandiosität. Stolz, schreibt er, ist Ausdruck von Selbstwahrnehmung und Grandiosität deren Ersatz. Wer sich aufbläst, dem geht es innerlich schlecht, nicht gut.
Das Buch als Spiegel für alle, nicht nur für «die Narzissten»
Was das Buch von vielen populären Narzissmus-Ratgebern abhebt: Es zeigt konsequent auch die Gegenseite. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Frage, welche eigenen Muster wie Anerkennungssuche, Retterdynamiken und Angst vor Aggression, Menschen anfällig dafür machen, sich in narzisstischen Beziehungsdynamiken zu verfangen und zu halten. Ebenso konsequent zeigt er, wie Eltern (mit besten Absichten!), Paarbeziehungen, Unternehmenskulturen und ganze Gesellschaften narzisstische Not systematisch mitproduzieren. Das «Design your life» und «Werde die beste Version deiner selbst» unserer Selbstoptimierungskultur bekommt hier eine fundierte kritische Einordnung: nicht Befreiung, sondern eine neue Form der Selbstentfremdung, man wird jetzt selbst zum Zerrspiegel, der einen formt.
Zwischenhalt: Wir sind alle irgendwo Opfer und Täter
Bevor ich zu den Checklisten komme, ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht und den ich für zentral halte: Eidenschink weigert sich konsequent, Narzissmus in eine reine Opfer- oder eine reine Täter-Erzählung zu pressen. Seine These: Fast alle von uns tragen, bewusst oder unbewusst, als Eltern, als Partner:innen, als Vorgesetzte, als Mitarbeitende, als Follower auf Social Media, etc., irgendwo dazu bei, dass narzisstische Not entsteht oder aufrechterhalten wird. Niemand steht komplett aussen vor.
Das heisst nicht, dass alle gleich schuldig sind oder dass es keine Verantwortung gibt. Es heisst: Wer narzisstisches Leid nur bei «den anderen» verortet, macht es sich zu einfach. Auch das Kind, das als Erwachsener andere ausbeutet, war einmal das Kind, dem man ein Bild übergestülpt hat, statt es zu sehen. Und wer selbst Opfer narzisstischer Dynamiken wurde, als Kind, als Partnerin, als Mitarbeiter, kann im nächsten Kontext unbemerkt selbst zur Täterin, zum Täter werden, wenn die eigene Not unbearbeitet bleibt.
Genau hier setzen die folgenden drei Checklisten an. Sie sind keine Diagnoseinstrumente, denn dazu taugt keine Checkliste der Welt, sondern keine Hilfe und Hinweise zur ehrlichen Selbstprüfung, angelehnt an die zentralen Mechanismen, die Eidenschink beschreibt.
Checkliste 1: Erziehe ich mein Kind – ungewollt – zu einem narzisstischen Menschen?
Kein Elternteil will das. Und doch geschieht es oft «im Namen des Guten». Eidenschink beschreibt eindrücklich, wie sehr das eigene Bild vom Kind, nicht das Kind selbst, den Kontakt bestimmen kann. Ein paar Fragen zur ehrlichen Selbstprüfung:
- Habe ich eine sehr genaue emotionale Vorstellung davon, wie mein Kind ist, nicht nur, wie es sich verhalten soll?
- Freue ich mich vor allem dann besonders, wenn mein Kind meinem Bild von einem gelungenen Leben entspricht und weniger, wenn es einfach nur seine eigene Freude zeigt, auch wenn die anders aussieht als erwartet?
- Reagiere ich enttäuscht oder gekränkt, wenn mein Kind andere Vorlieben, ein anderes Temperament oder andere Interessen zeigt, als ich es mir gewünscht hätte?
- Lobe ich mein Kind eher für Überlegenheit, Grossartigkeit und Talent («Du bist der Klügste», «Du kannst schon viel mehr als andere») statt für sein konkretes, eigenes Erleben?
- Vermische ich häufig meine eigenen Ängste (z. B. um Sicherheit, Gesundheit, Erfolg) mit dem, was mein Kind tatsächlich braucht und übertrage ich meine Sorgen auf sein Verhalten?
- Fällt es mir schwer, mein Kind einfach «sein zu lassen», wenn es etwas will, das meinen eigenen Werten oder Vorstellungen widerspricht?
- Reagiert mein Kind auf mein Verhalten eher mit Scham («Ich habe dich enttäuscht») als mit Schuldgefühl («Ich habe eine Regel verletzt»)?
Wichtig dabei: Ein einzelnes «Ja» ist kein Grund zur Beunruhigung, wir alle projizieren gelegentlich. Entscheidend ist das Muster über die Zeit, nicht der Einzelfall.
Checkliste 2: Habe ich es mit einem narzisstischen Menschen zu tun?
Eidenschink warnt ausdrücklich davor, das am Verhalten des Gegenübers festzumachen, da dies zu kurz greift und fehleranfällig ist. Stattdessen empfiehlt er, auf die eigene Resonanz zu achten. Auch hier gilt: relevant wird es erst, wenn mehrere Punkte, wiederholt und über verschiedene Situationen hinweg, zutreffen.
- Erlebe ich die Person als so makellos, perfekt oder unfehlbar, dass ich unwillkürlich an mir selbst zu zweifeln beginne?
- Spüre ich bei ihr/ihm einen automatisierten, geradezu zwanghaften Leistungswillen, ein «Ich muss liefern», das keinen Raum für ein Nein lässt?
- Fühle ich mich in ihrer/seiner überschwänglichen, «wie 30 Jahre befreundeten» Herzlichkeit seltsam unwohl oder gar leicht angeekelt, obwohl objektiv «alles nett» ist?
- Rede ich in Gesprächen mit ihr/ihm kaum selbst, weil sie/er im Sendemodus bleibt und mir eigentlich nur meine bestätigenden «Aha, ja»-Signale entlockt?
- Kontrolliert die Person spürbar die ganze soziale Situation, sodass ich vorsichtig werde, was ich sage, aus Angst, «etwas Falsches» zu sagen?
- Verspüre ich einen starken, fast zwanghaften Drang, ihr/ihm kritisches Feedback zu geben oder ihre/seine Ansichten zu relativieren?
- Fühle ich mich in ihrer/seiner Gegenwart plötzlich unsicher, inkompetent oder «dumm», obwohl das objektiv nicht meinem sonstigen Erleben entspricht?
- Lobt sie/er mich unangemessen überschwänglich oder zu früh und ich merke, dass ich es trotzdem gerne glauben möchte?
- Erlebe ich sie/ihn als selbstverständlich anspruchsvoll, ihre/seine Bedürfnisse haben automatisch Vorrang, ein Nein scheint keine Option?
- Spüre ich bei wiederholtem Klagen und Jammern eine tiefe Ohnmacht, obwohl ich helfen möchte, die Ahnung, dass Hilfe hier gar nicht gewollt ist?
- Löst ihr/sein Verhalten in mir Wut oder den Impuls aus, klare Grenzen zu setzen?
Je mehr dieser Punkte präzise, wiederkehrend und situationsübergreifend zutreffen, desto eher lohnt es sich, genauer hinzuschauen, nicht, um zu etikettieren, sondern um sich selbst zu schützen.
Checkliste 3: Trage ich selbst dazu bei, dass sich narzisstische Tendenzen bei anderen halten?
Der unbequemste Teil des Buches: Narzisstische Ausbeutung braucht immer zwei. Wer wissen will, wie sehr man selbst (oft aus eigener, gut gemeinter oder eigenbedürftiger Motivation) zur Stabilisierung narzisstischer Muster beiträgt, kann sich hier prüfen:
- Gibt es Menschen, auf deren uneingeschränkte Wertschätzung ich fast nicht verzichten könnte und bei denen ich viel dafür tue, um sie zu bekommen?
- Neige ich dazu, unnahbare, kühle oder schwer erreichbare Menschen besonders attraktiv zu finden, im stillen Wunsch, ausgerechnet bei mir «taut das Eis»?
- Habe ich schon einmal jahrelang gehofft, dass sich jemand ändert, obwohl sich nach jedem klärenden Gespräch immer wieder das gleiche Muster wiederholt hat?
- Vermeide ich es, eine Beziehung oder ein Arbeitsverhältnis zu beenden, aus Angst vor der Reaktion, der Rache oder dem Zusammenbruch der anderen Person?
- Toleriere oder bagatellisiere ich schlechte Behandlung, weil ich glaube, ich sei die einzige Stütze, die diese Person hat («Ohne mich schafft er/sie das nicht»)?
- Fühle ich mich geehrt oder sicherer, wenn ich Teil des engeren Kreises, des Teams oder der «Clique» einer einflussreichen, bewunderten Person sein darf?
- Habe ich in einer Beziehung oder einem Job das Gefühl, meine eigene Energie und Lebenskraft fliesst hauptsächlich in den Erhalt einer Fassade, meiner eigenen oder der einer anderen Person?
- Entschuldige ich mich innerlich oder gar laut, wenn ich öffentlich blossgestellt oder kritisiert wurde, statt mich zu wehren?
Auch hier: Es geht nicht um Selbstanklage. Es geht darum, unbewusste Beteiligung sichtbar zu machen, denn nur das eröffnet die Wahl, ob man dabei bleiben will oder nicht.
Wo ich widerspreche
Und hier kommt der Punkt, an dem ich als Praktikerin nicht ganz mitgehe. Eidenschink selbst schreibt gegen Ende seines Buches sinngemäss: Narzisstisches Leid gilt als schwer therapierbar und beratungsresistent und er widerspricht dem nicht grundsätzlich, sondern verschiebt nur die Verantwortung: Nicht «dir ist nicht zu helfen», sondern «ich habe (noch) keinen Weg gefunden, der bei dir wirkt». Das ist rhetorisch elegant. In der Sache ändert es wenig an der Realität, die ich kenne: Veränderung setzt voraus, dass jemand sich der eigenen Scham, der eigenen Leere stellt und genau das ist der Punkt, an dem die allermeisten Betroffenen aussteigen, abwerten, den Coach oder Therapeuten wechseln oder das Setting instrumentalisieren, wie Eidenschink selbst eindrücklich in seinem Kapitel über die «beliebtesten Fallen» in der Beratung beschreibt.
Auch der Autor gibt an dieser Stelle unfreiwillig zu: Einsicht allein reicht nicht. Vernunft und guter Wille sind, so schreibt er wörtlich sinngemäss, viel zu schwache Mittel gegen tief verankerte Überlebensmuster. Genau das ist meine Erfahrung aus der Praxis, nur ziehe ich daraus eine nüchternere Konsequenz als er: Wo diese Bereitschaft zur Konfrontation mit der eigenen Not fehlt, bleibt jede Veränderung Theorie. Man kann die Genese noch so gut verstehen, ohne die Bereitschaft eines Menschen, sich selbst und die eigenen Prägungen ehrlich anzuschauen, bleibt narzisstisches Leid stabil. Und diese Bereitschaft lässt sich, so sehr wir es uns als Berater*innen wünschen, nicht von aussen erzeugen. Als Psychologin kann ich die passenden und optimalsten Rahmenbedingungen schaffen, aber für ein Gelingen braucht es wie in jeder Form der Beziehung zwei, so auch in einer Beratung/Therapie.
In einem Punkt gebe ich Eidenschink allerdings uneingeschränkt recht: Kaum ein anderes Thema macht so deutlich, wie sehr Weitblick und Umsichtigkeit auf Seiten der beratenden oder behandelnden Person selbst über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Sein Kapitel über die «beliebtesten Fallen» in Coaching und Therapie, sich von Klient:innen als «der/die Beste» hofieren zu lassen, sich selbst als Retter:in zu inszenieren, sich von vermeintlicher Dankbarkeit einlullen zu lassen, ist eine treffende Beschreibung genau jener Mechanismen, in die auch erfahrene Fachpersonen tappen können, wenn sie nicht permanent die eigene Gegenübertragung reflektieren. Wer mit Menschen in narzisstischen Nöten arbeitet, braucht selbst eine gefestigte, unabhängige Position, sonst wird man Teil des Musters, statt es zu unterbrechen. Das ändert nichts an meiner Skepsis gegenüber der Veränderbarkeit auf Klient:innenseite. Es zeigt aber: Wer selbst in Behandlung oder Beratung ist, oder eine sucht, darf ruhig genau hinschauen, wie souverän und unabhängig die begleitende Fachperson wirklich ist. Denn genau davon hängt ab, ob professionelle Hilfe hier tatsächlich hilft oder das alte Muster nur in neuer Form fortsetzt.
Warum ich trotzdem am Begriff «Narzisst» festhalte
Eidenschink hat mit seiner Kritik an vorschnellen Etikettierungen recht: «Du Narzisst!» als moralische Keule schadet allen und hilft niemandem. Und doch ziehe ich daraus nicht denselben Schluss wie er. Meine Haltung bleibt: Es gibt sehr wohl Narzissten, auch wenn hinter jedem dieser Menschen eine Geschichte von Not, von falscher Spiegelung, von unverarbeiteten Verletzungen steckt.
Der Grund ist einfach: Opfer zu sein, ist keine Legitimation dafür, andere zu verletzen. Beides kann gleichzeitig wahr sein, dass jemand selbst früh beschädigt wurde, und dass er oder sie heute Verantwortung dafür trägt, was er oder sie mit dieser Not bei anderen anrichtet. Verständnis für die Genese und Anerkennung von Verantwortung schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil: Aus meiner Sicht gehören sie zusammen.
Genau deshalb halte ich es für legitim, den Begriff «Narzisst» weiter zu verwenden, nicht als Beschimpfung, sondern als ehrliche Benennung eines Verhaltens, das Schaden anrichtet, unabhängig davon, wie viel Mitgefühl man für die dahinterliegende Not empfindet. Das eine ersetzt das andere nicht. Auch in meiner eigenen Praxisarbeit gehört es zu den zentralen und oft schwierigsten Schritten, dass jemand anerkennt, was er anderen und letztlich auch sich selbst, angetan hat. Erst diese Anerkennung, nicht die Erklärung allein, macht Veränderung und damit Heilung überhaupt möglich, für die betroffene Person selbst wie für ihr Umfeld.
Mein Fazit
Ein Buch, das ich gerne weiterempfehle, nicht, weil es die letzte Antwort liefert, sondern weil es das Verständnis vertieft, woher narzisstische Muster kommen, und dabei nie in Opfer-Täter-Kitsch verfällt. Es hat meinen eigenen Blick geschärft, wie viel narzisstische Dynamik still und unbemerkt in ganz «normalen» Familien, Paarbeziehungen und Organisationen entsteht, oft im Namen des Guten.
Was mir beim Lesen zusätzlich bewusst wurde: Narzisstische Not ist nicht nur ein individuelles oder familiäres, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Der Begriff der Selbstoptimierung als Massenphänomen ist keineswegs neu, hat aber seit den 1990er-Jahren, mit dem Aufkommen von Self-Tracking und persönlicher Effizienzsteigerung als Lebensstil, spürbar Fahrt aufgenommen und mit Social Media in den letzten rund 15 Jahren noch einmal eine ganz neue Dynamik erhalten. Seither prägen «beste Version deiner selbst», Optimierungs-Apps, Selbstvermessung und ständiger Vergleich mit inszenierten Vorbildern unseren Alltag in einem Ausmass, das es in dieser Form vorher nicht gab. Wenn Psychologie, Coaching und Beratung sich seit gut drei Jahrzehnten zunehmend selbst in diesem Optimierungsdenken bewegen, wenn auch «Persönlichkeitsentwicklung» leicht zum Synonym für «An-sich-Arbeiten-Müssen» wird, ist es kaum verwunderlich, dass Narzissmus eher gefördert als gelindert wird. Genau das arbeitet auch Eidenschink heraus: Eine Kultur, die Selbstverbesserung zum Dauerauftrag macht, produziert nicht robustere, sondern erschöpftere und leerere Menschen.
Aber: Verständnis ist nicht gleich Veränderung, und Erklärung ist nicht gleich Entschuldigung. Wer selbst betroffen ist oder mit jemandem lebt oder arbeitet, der in narzisstischer Not steckt, sollte sich von der versöhnlichen Rahmung des Titels nicht täuschen lassen. Es braucht am Ende die eigene, oft schmerzhafte Bereitschaft, hinzuschauen, bei sich selbst wie beim Gegenüber und diese Bereitschaft ist genau das, woran es in der Praxis so häufig fehlt.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungpsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430