Zusatzversicherung: Massage und Ernährungsberatung ja, psychologische Beratung nein – ein Widerspruch im Schweizer Gesundheitssystem
05. Juli 2026
Es gibt Widersprüche im Schweizer Gesundheitssystem, die man erst bemerkt, wenn man mittendrin steckt. Einer davon betrifft die Frage, welche Leistungen über die Zusatzversicherung vergütet werden und welche nicht. Die Antwort stimmt mich nachdenklich und sie sagt aus meiner Sicht viel darüber aus, viel darüber aus, wie wir als Gesellschaft über Gesundheit und vor allem psychische Gesundheit denken.
Ich bin Psychologin M.Sc., Fachpsychologin SBAP. in Beratungspsychologie, Fachpsychologin SBAP. in Notfallpsychologie, Coach, EMDR-Therapeutin, Eignungsdiagnostikerin und bringe auch Weiterbildungen in Psychopathologie und Psychopharmakologie mit. Ich nehme mich bewusst als Beispiel, nicht als Opfer. Meine Praxis läuft, ich habe genug Klientinnen und Klienten, die bereit sind, für professionelle psychologische Beratung selbst zu zahlen. Was mich bewegt, ist eine andere Frage: Warum können meine Klientinnen und Klienten ihre Zusatzversicherung dafür nicht nutzen, obwohl sie dafür Prämien bezahlen?
Was die Zusatzversicherung zahlt und was nicht
Massagen, Reflexzonentherapie, Shiatsu, Ernährungsberatung, Akupunktur, Homöopathie, all das wird von den meisten Schweizer Krankenversicherern über die Zusatzversicherung vergütet. Psychologinnen und Psychologen hingegen, die mit staatlich anerkanntem Masterabschluss, berufsständisch anerkannten Fachtiteln und nachgewiesenen Weiterbildungen psychologische Beratung anbieten, erhalten diese Anerkennung in vielen Fällen nicht. Ich stelle das nicht als Anklage in den Raum. Ich stelle es als Frage: Nach welcher Logik funktioniert das?
Das KVG-Paradox
Die Antwort vieler Versicherer lautet: Psychologische Beratung wird nur übernommen, wenn sie von anerkannten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erbracht wird.
Was dabei ausgeblendet wird: Psychotherapie greift, wenn ein Leiden mit Krankheitswert vorliegt und eine Diagnose gestellt wurde. Genau dann übernimmt die obligatorische Grundversicherung (KVG) die Kosten. Die Grundversicherung zahlt, wenn jemand krank ist. Die Zusatzversicherung ist hingegen primär konzipiert für präventive, niederschwellige, gesundheitsfördernde Massnahmen und für alles, was verhindert, dass jemand krank wird. Eine Zusatzversicherung, die ausschliesslich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten anerkennt, deckt damit einen Bereich, der bereits durch die Grundversicherung geregelt ist und lässt genau das aussen vor, wofür sie konzipiert wurde. Das ist doch ein struktureller Widerspruch im Kern des Systems!
Pathogenese vs. Salutogenese – eine Frage der Haltung
Hinter diesem Widerspruch steckt etwas Grundsätzlicheres: eine Frage der Haltung gegenüber Gesundheit.
Unser Gesundheitssystem denkt mehrheitlich pathogeneseorientiert, vor allem hinsichtlich psychischer Gesundheit. Es fragt: Was macht krank? Es reagiert auf Symptome, Diagnosen, Krankheitswert. Das hat seinen Platz, greift jedoch zu kurz, denn es setzt voraus, dass jemand bereits krank ist, bevor das System aktiv wird.
Der salutogenetische Ansatz stellt eine andere Frage: Was erhält gesund? Er interessiert sich für Ressourcen, Widerstandskraft, Bewältigungsstrategien und somit für das, was Menschen befähigt, mit Belastungen umzugehen, bevor diese zu Erkrankungen werden. Dieser Ansatz ist keine Ergänzung zum Gesundheitssystem, sondern sollte die Grundlage einer vorausschauenden Gesundheitsversorgung sein.
Psychologische Beratung arbeitet genau hier. Sie setzt bei Lebenskrisen, beruflichen Belastungen, Erschöpfungszuständen und Übergangsphasen an, lange bevor eine Diagnose gestellt werden müsste. Sie stärkt Ressourcen, fördert Resilienz und verhindert im besten Fall, dass aus einer Belastung eine behandlungsbedürftige Erkrankung wird. Das ist keine vereinfachte Psychotherapie. Das ist eine eigenständige Disziplin mit einem klar definierten Wirkungsbereich, der genau dort liegt, wo die Zusatzversicherung greifen sollte.
Solange unser System primär auf Pathogenese ausgerichtet ist, wird es immer zu spät reagieren. Und es wird immer mehr kosten, als nötig wäre.
Körper und Psyche – ein unterschätzter Zusammenhang
Hinzu kommt ein Aspekt, der noch zu wenig Beachtung findet: Nicht selten haben körperliche Beschwerden eine psychische Ursache, oder werden durch psychische Belastungen massgeblich verstärkt. Chronische Schmerzen, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen, Panikattacken, Herz-Kreislauf-Probleme können Ausdruck eines psychischen Gleichgewichtsverlustes sein, der lange unerkannt bleibt oder von Betroffenen selbst ausgeblendet wird. Wer nie gelernt hat, auf seine psychische Gesundheit zu achten, sucht die Ursache seiner Beschwerden oft zuerst im Körperlichen. Frühzeitige psychologische Beratung kann genau hier ansetzen. Nicht als Reaktion auf eine Diagnose, sondern als Raum, in dem Zusammenhänge sichtbar werden, bevor sie sich körperlich manifestieren. Das ist Prävention im eigentlichen Sinne.
Psychoedukation – ebenfalls unterschätzt und unverzichtbar
Eng damit verknüpft ist die Psychoedukation, ein zentraler, aber oft unterschätzter Bestandteil psychologischer Beratung. Viele Menschen wissen schlicht nicht, wie Stress im Körper wirkt, was emotionale Erschöpfung auslöst, wie Gedankenmuster Verhalten steuern oder wann eine Belastung zur Gefahr wird. Dieses Wissen ist keine Selbstverständlichkeit und genau hier setzt Psychoedukation an: Sie befähigt Menschen, sich selbst besser zu verstehen, frühzeitig Signale zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Jugendlichen. Angesichts steigender psychischer Erkrankungen und einer wachsenden Nachfrage nach Psychotherapie für junge Menschen gewinnt Psychoedukation als präventives Instrument enorm an Bedeutung. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie viel sich allein dadurch auflöst, dass Jugendliche verstehen, was in ihnen vorgeht, warum sie ihre Emotionen manchmal nicht kontrollieren können, wie ihr Nervensystem auf Stress reagiert, was hinter impulsivem Verhalten steckt. Dieses Verstehen allein kann enorm entlastend wirken, für die Jugendlichen selbst, aber auch für ihr Umfeld.
Gleiches gilt für soziale Interaktionen und Beziehungen, ein Thema, das vor allem Jugendliche täglich beschäftigt und oft überfordert. Warum reagiere ich so stark auf Ablehnung? Wie funktionieren Gruppendynamiken, und warum passe ich mein Verhalten unbewusst an? Psychoedukation gibt die Orientierung, die es braucht, um eine Krise nicht als Katastrophe zu erleben, sondern als das, was sie im besten Fall ist: eine Lernerfahrung.
Nicht jede Krise braucht eine Therapie. Manchmal braucht sie zuerst Erklärung.
Das ist Prävention in ihrer wirkungsvollsten Form. Denn wer versteht, was in einem selbst vorgeht, kann handeln, bevor das System es für einen tun muss.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen psychologischer Beratung und Psychotherapie?
Diese Frage wird mir oft gestellt und sie ist berechtigt, denn die Begriffe werden im Alltag häufig verwechselt. Auf meiner Homepage finden Sie dazu detaillierte Infos, auch hinsichtlich Unterschiede zwischen Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern. Hier die Kurzform:
Psychotherapie ist eine medizinisch anerkannte Behandlungsform für psychische Störungen mit Krankheitswert. Sie setzt eine Diagnose voraus, zum Beispiel eine Depression, eine Angststörung oder ein Trauma und folgt klinischen Behandlungsleitlinien. Die Kosten werden bei entsprechender Indikation über die Grundversicherung (KVG) übernommen.
Psychologische Beratung setzt früher an. Sie braucht keine Diagnose, keine ärztliche Verordnung und keinen Krankheitswert. Sie richtet sich an Menschen, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden, beruflich oder privat unter Druck stehen, eine wichtige Entscheidung vor sich haben oder einfach merken, dass sie Unterstützung brauchen – ohne dass daraus eine Erkrankung werden muss.
Der entscheidende Unterschied liegt im Ansatz: Psychotherapie behandelt. Psychologische Beratung stärkt, begleitet und verhindert.
Beide haben ihren Platz. Und beide brauchen qualifizierte Fachpersonen. Ein Masterabschluss in Psychologie allein reicht nicht, es braucht in jedem Fall spezifische Weiterbildungen, Praxiserfahrung und Supervision. Was jedoch zu kurz greift, ist die Annahme, dass nur ausgebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten über dieses Rüstzeug verfügen. Qualifizierte psychologische Beratung erfordert keine klinische Ausbildung, resp. Praxiserfahrung. Es gibt andere, ebenso fundierte Wege, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Entscheidend ist nicht ein bestimmter Ausbildungsweg, sondern die Substanz der erworbenen Kompetenzen, transparent nachweisbar, unabhängig geprüft. Davon sind wir leider noch ein gutes Stück entfernt.
Die Wartelisten-Realität
Psychotherapieplätze sind seit Jahren knapp. Viele Menschen warten Monate auf einen Platz. In dieser Zeit stehen sie oft ohne professionelle Begleitung da. Was in dieser Zwischenzeit passiert, ist entscheidend: Wer rechtzeitig psychologische Beratung erhält, kann in vielen Fällen stabilisiert werden, bevor eine Psychotherapie überhaupt notwendig wird. Die Beratung hat gereicht, weil sie früh genug kam. Wer keine Unterstützung bekommt, riskiert, dass sich aus einer Belastungssituation eine behandlungsbedürftige Störung entwickelt.
Wenn die Zusatzversicherung niederschwellige psychologische Beratung nicht abdeckt, setzt sie den falschen Anreiz: Warte, bis es schlimmer wird. Dann zahlen wir. Das ist nicht im Interesse der Versicherten und langfristig betrachtet auch ganz bestimmt nicht im Interesse der Versicherer.
Es fehlt der ganzheitliche Blick
Was mich an der aktuellen Situation am meisten beschäftigt, ist nicht die fehlende Anerkennung als solche. Es ist das, was dahintersteckt: ein Gesundheitssystem, das Prävention als Nebensache behandelt und den Menschen erst wahrnimmt, wenn er eine Diagnose hat.
Ein ganzheitlicher Blick auf Gesundheit würde anders aussehen. Er würde fragen: Wie geht es diesem Menschen heute und was braucht er jetzt, damit er morgen nicht krank wird? Er würde niederschwellige Angebote nicht als Nebensache oder Luxus behandeln, sondern würde anerkennen, dass psychische Gesundheit nicht erst dann relevant ist, wenn sie gefährdet ist.
Einige Krankenversicherer haben das verstanden: AXA, Sanitas, Assura, Groupe Mutuel und ÖKK anerkennen psychologische Beratungsleistungen über die Zusatzversicherung direkt, auf Basis der fachlichen Qualifikation und der Zugehörigkeit zu einem entsprechenden Berufsverband. Wenn Versicherte eine entsprechende Zusatzversicherung für psychologische Beratung haben, werden die Kosten zumindest anteilsmässig übernommen. Das gibt Hoffnung und gleichzeitig geht es einfach zu langsam! Zu viele Versicherer sind noch nicht dort. Manche lehnen ab, weil ihr Leistungskatalog nur Psychotherapie kennt und Psychotherapeuten anerkennen. Andere knüpfen die Anerkennung an Bedingungen, die dem Grundgedanken der Zusatzversicherung widersprechen. Ich unterstelle keine Böswilligkeit, jedoch Kurzsichtigkeit und es ist ein Zeichen dafür, dass der ganzheitliche Blick auf Gesundheit im System noch nicht angekommen ist.
Fehlende Anerkennung durch die Zusatzversicherung - was das im Alltag bedeutet und was es auslöst
Ich sage es offen: Das System enttäuscht mich. Nicht weil ich persönlich darunter leide, sondern weil ich regelmässig erlebe, wie es falsche Eindrücke erzeugt.
Wenn Klientinnen und Klienten fragen, ob ich krankenkassenanerkannt bin und ich erklären muss, warum das bei psychologischer Beratung nicht ohne weiteres der Fall ist, entsteht Unsicherheit. Der unausgesprochene Gedanke dahinter: Ist sie vielleicht doch nicht gut genug? Stimmt irgendwas nicht? Ein System, das eigentlich Qualität sichern soll, produziert so genau das Gegenteil: Es erweckt den Eindruck, dass Psychologinnen wie ich – ohne Psychotherapieausbildung – weniger wert und eine Kategorie tiefer einzuordnen sind. Obwohl das schlicht nicht stimmt.
Psychologinnen und Psychologen, die psychologische Beratung anbieten, bringen oft eine Breite mit, die weit über eine rein klinische Ausbildung hinausgeht, so auch ich, was man meinem Beratungsangebot entnehmen kann. Diese Breite ist kein Zufall und kein Mangel. Sie ist eine bewusste Entscheidung für einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen. Ganzheitlichkeit ist aus meiner Sicht genau das, was gefragt ist, wenn nicht eine Diagnose im Fokus steht (weil sie das auch nicht in jedem Fall sollte), sondern Begleitung, Orientierung und Klarheit.
Dass das System genau diese Qualifikation nicht anerkennt, während es Massagen und Homöopathie problemlos vergütet, ist nicht nur strukturell falsch. Es ist auch eine stille Diskriminierung gegenüber einer Berufsgruppe, die genau dort wirkt, wo das System am dringendsten gewinnen könnte: vor der Diagnose, vor der Krise, vor dem Zusammenbruch.
Zusatzversicherung und psychologische Beratung - was sich ändern muss
Ich klage niemanden an. Aber ich benenne, was auf dem Tisch liegt. Krankenversicherer müssen die Logik ihrer eigenen Zusatzversicherung zu Ende denken. Prävention kommt vor Behandlung. Salutogenese kommt vor Pathogenese. Wer niederschwellige psychologische Beratung nicht abdeckt, zahlt langfristig mehr.
Berufsverbände und Krankenversicherer müssen noch konkreter und ernsthafter in einen Dialog treten. Es gibt anerkannte, unabhängig geprüfte Qualitätskriterien für psychologische Beratung. Sie sollten als solche in den Leistungskatalogen der Zusatzversicherungen Eingang finden, nicht als Option, sondern als Standard.
Und dann wäre da noch die Psychologieberufekommission, kurz PsyKo. Sie ist das staatliche Organ, das im Rahmen des Psychologieberufegesetzes (PsyG) Qualitätsstandards im Psychologiebereich überwacht und Stellung nimmt zu Anträgen auf neue Weiterbildungstitel. Theoretisch wäre sie genau die richtige Stelle, um psychologische Beratung als eigenständige, schützenswerte Tätigkeit staatlich zu verankern, mit klaren Qualitätskriterien, die gegenüber Krankenversicherern Gewicht haben.
Die Berufsverbände haben in den vergangenen Jahren enorme politische Arbeit geleistet. Die Einführung des Anordnungsmodells per 1. Juli 2022 war ein wichtiger und längst überfälliger Schritt. Er hat die Anerkennung und Sichtbarkeit von Psychologinnen und Psychologen im Schweizer Gesundheitssystem massgeblich gestärkt. Dieser Erfolg verdient Anerkennung. Aber er beschränkt sich bisher auf die psychologische Psychotherapie. Die psychologische Beratung als eigenständige Disziplin mit eigenem Qualitätsprofil ist politisch noch nicht angekommen. Das ist das nächste ungelöste Kapitel.
Versicherte haben zudem ein Recht darauf zu wissen, wofür sie Prämien bezahlen und warum die Leistung, die sie im richtigen Moment bräuchten, trotzdem nicht gedeckt ist.
Nicht weil die Leistung nicht gut genug wäre. Nicht weil die Qualifikation fehlt. Sondern weil das System noch nicht dort angekommen ist, wo es sein sollte. Das lässt sich ändern. Einige Versicherer beweisen es bereits.
Das Umdenken beginnt nicht in Bern und es beginnt auch nicht damit, dass wir warten, bis jemand krank ist. Es beginnt damit, dass wir das System kennen, hinterfragen und aufhören, psychische Gesundheit erst dann ernst zu nehmen, wenn sie bereits verloren gegangen ist.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Beratungspsychologie
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430