Warum es keine «guten» oder «schlechten» Persönlichkeitsmerkmale gibt und was das für die Personalauswahl bedeutet.

Was sagen uns die Big Five über menschliches Verhalten?

In der Persönlichkeitspsychologie gehören die sogenannten Big Five zu den am besten validierten und am häufigsten untersuchten Persönlichkeitsmodellen überhaupt. Die fünf Dimensionen Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, bilden ein robustes Rahmenmodell, das interindividuelle Unterschiede im Erleben, Verhalten, in der Gesundheit und im Arbeitserfolg zuverlässig erklären und vorhersagen kann.

In der Eignungsdiagnostik und im Assessment Center sind die Big Five mehr als ein theoretisches Konstrukt: Sie sind praxisrelevante Prädiktoren, die helfen, Menschen in ihrer Komplexität zu verstehen, nicht zu vereinfachen. Genau dort liegt allerdings auch eine häufige Fehlerquelle: Persönlichkeitsmerkmale werden allzu rasch als «positiv» oder «negativ» bewertet, ohne den situativen Kontext angemessen zu berücksichtigen.

Extraversion: In den meisten Berufsfeldern ein Pluspunkt, jedoch aber nicht immer

Extraversion beschreibt nach Jung und Eysenck eine nach aussen gerichtete Wesensart: Extravertierte Menschen sind kontaktfreudig, stimulationssuchend, anpassungsfähig und sozial engagiert. Im Berufsalltag gelten diese Eigenschaften häufig als vorteilhaft, insbesondere in Führungspositionen, vertriebsnahen Berufen, Berufen mit hohem Interaktionsanteil oder in agilen Arbeitsumgebungen, die Netzwerkfähigkeit und Kommunikationsstärke erfordern.

Kein Wunder also, dass Extraversion in vielen Anforderungsprofilen explizit als Stärke gelistet wird. Doch wie so oft im Leben: Der Kontext entscheidet.

Die Corona-Krise als natürliches Experiment

Die Pandemie hat in vielerlei Hinsicht als unfreiwilliges sozialpsychologisches Grossexperiment fungiert. Eine brasilianische Studie von Carvalho, Pianowski und Gonçalves (2020) untersuchte den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften der Big Five und der Bereitschaft, Verhaltens- und Hygieneregeln einzuhalten. Die Ergebnisse sind aus eignungsdiagnostischer Perspektive aufschlussreich und bestätigen, was ein differenziertes Persönlichkeitsverständnis ohnehin nahelegt.

Extravertierte Personen, so die Studie, wiesen eine signifikant höhere Schwierigkeit auf, sich an soziale Distanzierungsregeln zu halten. Der Grund liegt im Kern des Merkmals selbst: Extravertierte haben einen ausgeprägten Bedarf an sozialer Stimulation. Soziale Isolation ist für sie nicht bloss unangenehm, sie kann regelrecht belastend sein. Dieser erhöhte Reizhunger führt dazu, dass extravertierte Menschen eher und häufiger gegen Regeln verstossen, die genau diese soziale Stimulation einschränken.

Das ist keine moralische Wertung, sondern ein Befund über die Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und situativen Anforderungen. Und es ist eine wichtige Erinnerung daran: Stärken können in bestimmten Kontexten zu Risikofaktoren werden.

Gewissenhaftigkeit: Schutzfaktor – mit einem «Aber»

Im Gegensatz dazu zeigte sich in der Studie von Carvalho et al. (2020), dass hoch gewissenhafte Personen die Verhaltensregeln deutlich stärker einhielten. Das überrascht nicht: Gewissenhaftigkeit ist mit Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, Regelkonformität und Impulskontrolle verbunden 3Eigenschaften, die in Krisensituationen mit klaren Handlungsanweisungen eindeutig protektiv wirken.

In der Eignungsdiagnostik ist Gewissenhaftigkeit bekannt als einer der verlässlichsten Prädiktoren für Berufserfolg über verschiedene Berufsgruppen hinweg. Gleichzeitig und das zeigt sich besonders in Führungskontexten, birgt eine extrem ausgeprägte Gewissenhaftigkeit eigene Risiken: Perfektionismus, Schwierigkeiten beim Delegieren, Tendenz zur Überregulierung oder Detailverliebtheit, die strategisches Denken hemmen kann. Wer alles selbst kontrollieren will und Fehler als persönliches Versagen erlebt, stösst als Führungskraft schnell an Grenzen, auch wenn das System funktioniert.

Was das für die Eignungsdiagnostik bedeutet

Diese Befunde illustrieren ein zentrales Prinzip, das in meiner Arbeit als Eignungsdiagnostikerin handlungsleitend ist: Es gibt keine universell «guten» oder «schlechten» Persönlichkeitseigenschaften. Jedes Merkmal entfaltet seine Wirkung im Zusammenspiel mit dem situativen Kontext, den Anforderungen der Rolle und der Ausprägungsintensität des Merkmals selbst.

Ein Kandidat mit hoher Extraversion kann in einer Vertriebsrolle brillieren und in einer Home-Office-lastigen Einzelarbeitsstelle versagen. Nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern wegen eines Person-Umfeld-Misfit. Eine hochgradig gewissenhafte Führungskraft ist ein Segen in regulierten, prozessgetriebenen Umgebungen, aber möglicherweise ein Bremsblock in dynamischen, fehlertoleranten Innovationskulturen.

Für die Personalauswahl und Eignungsdiagnostik bedeutet das: Der Abgleich von Persönlichkeitsprofilen mit konkreten Tätigkeitsanforderungen (Anforderungsanalyse) ist keine optionale Vertiefung, sondern methodische Grundlage. Wer Persönlichkeitstests einsetzt, ohne diesen Abgleich vorzunehmen, produziert Daten, aber kein diagnostisches Urteil.

Fazit: Persönlichkeit im Kontext bewerten

Die Erkenntnisse aus der Pandemieforschung bestätigen, was die differentielle Psychologie seit Jahrzehnten lehrt: Persönlichkeitsmerkmale sind keine Einbahnstrassen. Dieselbe Eigenschaft, die in einem Kontext ein Wettbewerbsvorteil ist, kann in einem anderen zur Belastung werden, für die Person selbst, für das Team oder für die Organisation. Das macht die Big Five nicht weniger nützlich. Im Gegenteil: Richtig eingesetzt, mit methodischer Sorgfalt und einem klaren Anforderungsprofil im Hintergrund, sind sie nach wie vor eines der fundiertesten Instrumente der Eignungsdiagnostik , sowohl für die Mitarbeiterauswahl als auch für die Personalentwicklung und das Coaching.

Die Frage ist nicht: «Ist diese Person extravertiert oder gewissenhaft?» Die Frage ist: «Passt dieses Profil zu dieser Rolle, dieser Unternehmenskultur und diesem Entwicklungsstand und welche Konsequenzen ziehen wir daraus?»

Literatur: Carvalho, L. F., Pianowski, G., & Gonçalves, A. P. (2020). Personality differences and COVID-19: Are extroversion and conscientiousness personality traits associated with engagement with containment measures? Trends in Psychiatry and Psychotherapy, 42(2), 179–184.

Alessandra Zito Rickenbacher, Psychologin M.Sc., SBAP. und Inhaberin von ConSenso Consulting in Küssnacht am Rigi. Zertifizierte Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430 (Swiss Assessment).