Wertschätzung Mitarbeiter – wenn gut gemeint nicht gut ist
14. Dezember 2015
Wertschätzung Mitarbeiter – das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Gerade in grossen Abteilungen zeigt sich, wie schnell aus einer ehrlichen Geste eine seelenlose Pflichtübung wird.
In kleinen Teams kennt man sich. Man weiss, wer Geburtstag hat, wer gerade einen schwierigen Monat hinter sich hat, wer einen Meilenstein erreicht hat. Aufmerksamkeit entsteht dort oft von selbst – ungeplant, persönlich, glaubwürdig.
Anders sieht es in grossen Abteilungen aus. Ab einer gewissen Grösse – 50, 80, 100 Mitarbeitende – stellt sich die Frage fast zwangsläufig: Wie organisieren wir Wertschätzung? Wie stellen wir sicher, dass niemand vergessen geht? Und genau hier beginnt das Problem.
Wenn Wertschätzung zur Pflichtübung wird
Die Lösung vieler Unternehmen ist die Standardisierung. Geburtstagskarte, Jubiläumsgeschenk, Weihnachtsgruss – alles geregelt, alles dokumentiert, alles gleich. Rundmail an die Abteilung, Unterschriften sammeln, Karte überreichen. Fertig.
Das Motiv dahinter ist verständlich. Niemand soll vergessen werden. Gleichbehandlung soll Fairness signalisieren. Und natürlich ist es gut gemeint.
Aber gut gemeint ist bekanntlich nicht dasselbe wie gut gemacht. Denn was passiert mit einer Geste, die zur Routine wird? Sie verliert ihren Kern. Eine Glückwunschkarte, die per Rundmail zur Unterschrift angekündigt wird, ist keine Geste der Zuneigung mehr – sie ist ein Verwaltungsakt. Und das spüren die Empfangenden.
Was Wertschätzung Mitarbeiter wirklich bedeutet
Wertschätzung Mitarbeiter ist eines jener Konzepte, das in Unternehmensleitbildern gross geschrieben und im Alltag häufig missverstanden wird. Wertschätzung bedeutet nicht, dass jemand eine Karte bekommt. Sie bedeutet, dass jemand gesehen wird – als Person, nicht als Funktion.
Der Unterschied ist erheblich. Wer weiss, dass Kollegin links und Kollege rechts exakt dieselbe Aufmerksamkeit erhalten haben, erlebt keine Besonderheit. Er erlebt Gleichbehandlung. Das ist nicht nichts – aber es ist auch keine Wertschätzung im eigentlichen Sinne. Es ist Administration mit freundlichem Gesicht.
Die Psychologie ist hier eindeutig: Menschen reagieren nicht primär auf die Geste selbst, sondern auf die wahrgenommene Intention dahinter. Eine kleine, persönliche Aufmerksamkeit, die zeigt, dass jemand tatsächlich zugehört hat, wirkt stärker als ein teures Standardgeschenk. Nicht wegen des materiellen Wertes – sondern wegen des Signals: Du wirst wahrgenommen. Nicht als Mitarbeitende/r Nummer 47, sondern als du.
Wertschätzung Mitarbeiter – Differenzierung statt Gleichmacherei
Das bedeutet nicht, dass grosse Abteilungen auf Aufmerksamkeiten verzichten sollten. Es bedeutet, dass es sich lohnt, zu differenzieren.
Was bewegt diese Person gerade? Was hat sie in den letzten Monaten geleistet – und wurde das je explizit anerkannt? Gibt es einen Anlass, der für sie persönlich bedeutsam ist? Ein kurzes, aufrichtiges Gespräch kann mehr bewirken als jede Karte. Ein handgeschriebener Satz, der zeigt, dass man zugehört hat, schlägt jeden standardisierten Blumenstrauss.
Und manchmal ist die ehrlichste Form der Wertschätzung, gar nichts zu tun – bewusst, nicht aus Vergesslichkeit. Weil man weiss, dass diese Person lieber in Ruhe gelassen wird. Auch das ist Wahrnehmung. Auch das ist Respekt.
Mut zur Lücke – weniger ist oft mehr
Es braucht Mut, aus dem Standardprozedere auszusteigen. Führungskräfte, die aufhören, Geburtstagskarten reihum zu verschicken, riskieren zunächst Irritation. Vielleicht auch Kritik. Aber wer stattdessen beginnt, echte Wertschätzung zu zeigen – situativ, persönlich, aufrichtig – wird feststellen, dass die Wirkung eine völlig andere ist.
Das setzt voraus, dass man seine Mitarbeitenden tatsächlich kennt. Dass man zuhört. Dass man präsent ist – nicht nur bei besonderen Anlässen, sondern im Alltag. Und genau das ist der Kern echter Wertschätzung Mitarbeiter: Sie ist keine Aktion. Sie ist eine Haltung.
Wertschätzung braucht keine Sonderereignisse
Wahre Wertschätzung Mitarbeiter ist nicht auf Geburtstage, Jubiläen oder Weihnachtsfeiern angewiesen. Sie zeigt sich in der Art, wie miteinander gesprochen wird. Darin, ob Leistung gesehen und benannt wird – auch ohne Anlass. Ob Fehler sachlich besprochen oder still übergangen werden. Ob jemand gefragt wird, wie es ihm geht – und ob die Antwort tatsächlich gehört wird.
Führungskräfte, die das verstehen, brauchen keine Erinnerungssysteme für Geburtstagskarten. Sie brauchen Präsenz, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Menschen als Menschen zu behandeln – kontinuierlich, nicht anlassbezogen.
Das ist anspruchsvoller als eine Rundmail. Aber es ist auch das Einzige, was wirklich wirkt.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430