Die Frage nach dem Sinn
20. April 2015
Die Frage nach dem Sinn – und warum Freude die bessere Antwort ist
Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich die Gelegenheit, Menschen auf den unterschiedlichsten Hierarchiestufen und Karrierelevels zu befragen, was ihnen im Job wirklich wichtig ist. Eine Antwort begegnet mir dabei mit bemerkenswerter Regelmässigkeit: Die Arbeit soll Sinn machen. Gleichzeitig fällt es den meisten schwer, diesen Sinn konkret zu benennen. Das Wort ist präsent – der Begriff dahinter bleibt diffus.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir Sinn wollen?
Der Wunsch nach sinnvoller Tätigkeit ist für viele mit der Vorstellung verbunden, einen Mehrwert zu generieren. Am Ende des Tages einen Beitrag geleistet zu haben. Das Gefühl, dass das eigene Tun einem Zweck dient, einem Ziel beiträgt, nicht einfach verpufft. Das ist nachvollziehbar – und zutiefst menschlich.
Die Frage nach dem Sinn ist keine Erfindung der modernen Arbeitswelt. Sie begleitet die Menschheit seit jeher. Philosophen, Theologen, Psychologen – sie alle haben sich an ihr versucht. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, sah den Willen zum Sinn als primäre Triebkraft des Menschen. Er postulierte, dass der Mensch Sinn nicht erschaffen, sondern nur finden kann – in der Arbeit, in der Liebe, im Leiden. Das klingt erhaben. In der Praxis ist es komplizierter.
Wenn die Frage nach dem Sinn zur Falle wird
Ich nehme mich aus dieser Auseinandersetzung nicht heraus. Die Frage nach dem Sinn beschäftigt mich selbst – und ich kann inzwischen sagen: Eine zu exzessive Beschäftigung damit kann ernüchternd sein. Im schlimmsten Fall deprimierend.
Denn wer die Frage nach dem Sinn konsequent zu Ende denkt, muss zunächst annehmen dürfen, dass das menschliche Dasein überhaupt Sinn hat oder haben kann. Und genau dort beginnt das Problem. Was heisst Sinn? Ich würde sagen, etwas macht Sinn, wenn die Gleichung aufgeht – wenn das Ist dem Soll entspricht und ein inneres Gleichgewicht entsteht. Aber damit ist noch gar nichts geklärt. Denn wer definiert das Soll? Wer legt fest, was sein sollte?
Ist der Sinn des menschlichen Daseins die Fortpflanzung? Die Entsprechung gesellschaftlicher Wertvorstellungen? Und falls ja – wessen Wertvorstellungen? Die der Herkunftsfamilie, der Kultur, des Arbeitgebers, des LinkedIn-Feeds? Die Frage nach dem Sinn verzweigt sich schnell in ein Gestrüpp aus Erwartungen, Zuschreibungen und Normen, das mit dem eigenen Erleben wenig zu tun hat.
Was bleibt, wenn man sich in Bescheidenheit übt, ist eine unbequeme Möglichkeit: Vielleicht stellt der Mensch die Frage nach dem Sinn nicht, weil er ihn wirklich sucht – sondern weil er die Vorstellung, unwichtig zu sein, schlicht nicht erträgt. Das ist keine Kritik. Es ist eine Beobachtung.
Sinn ist relativ – Freude ist konkret
Aus meiner Sicht und aus meiner Erfahrung in der psychologischen Beratung und im Coaching hängt berufliche Erfüllung weniger von Sinn ab als von Freude. Das klingt banal. Es ist es nicht.
Freude ist kein vages Konstrukt. Sie ist spürbar, direkt, unmittelbar rückmeldend. Wer weiss, welche Aufgaben, Tätigkeiten und Kontexte bei ihm Freude auslösen, hat einen verlässlicheren Kompass als jemand, der abstrakt nach Sinn sucht. Ich habe bisher keinen einzigen Menschen getroffen, der echte Freude an seiner Arbeit hatte und gleichzeitig sagte, das tägliche Tun sei sinnlos. Freude und erlebte Sinnlosigkeit schliessen sich praktisch aus – nicht theoretisch, sondern im gelebten Alltag.
Das Problem: Viele Menschen stellen sich die Frage nach der Freude gar nicht. Sie ist ihnen zu unwichtig, zu weich, zu wenig ernsthaft. Stattdessen stellen sie sich die Frage nach dem Sinn – und landen in einer Sackgasse aus Abstraktion. Dabei wäre die Frage «Was macht mir wirklich Freude?» der präzisere Ausgangspunkt.
Freude als Orientierungsprinzip – auch ausserhalb des Berufs
Dieser Gedanke reicht weit über die Arbeitswelt hinaus. Viele Aktivitäten, Rollen und Verpflichtungen im Leben entsprechen gesellschaftlichen Erwartungen – sie erzeugen aber keine Freude. Im Gegenteil: Sie belasten. Sie zermürben. Und trotzdem werden sie selten hinterfragt, weil sie «so gehören» oder weil die Vorstellung, etwas loszulassen, das nach aussen hin gut aussieht, beängstigend ist.
Es lohnt sich, öfter und ehrlicher zu fragen: Was davon macht mir tatsächlich Freude? Was tue ich aus Überzeugung – und was aus Gewohnheit, Pflichtgefühl oder sozialem Druck? Das ist keine Aufforderung zu Beliebigkeit oder Verantwortungslosigkeit. Es ist eine Einladung zur Klarheit.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Frage nach dem Sinn ist legitim. Sie ist menschlich und sie verdient Aufmerksamkeit. Aber sie sollte nicht der einzige Massstab sein – und sie sollte nicht im Abstrakten verharren. Sinn entsteht nicht durch Grübeln, sondern durch Handeln. Und Handeln, das Freude macht, erzeugt fast immer das Gefühl, das Menschen suchen, wenn sie von Sinn sprechen.
Vielleicht ist Freude nicht die Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Aber sie ist ein verdammt guter Anfang.
Alessandra Zito Rickenbacher
Psychologin M.Sc. SBAP.
Fachpsychologin Notfallpsychologie
M.Sc. in Business and Economics
Eignungsdiagnostikerin nach DIN 33430